Friesoythe/Hannover - Als der Mann im blauen Overall kam, versteckte sie sich im Mais. Der Mann nahm eine große Zange, er griff damit durch die halboffene Stalltür und packte das erste kranke Tier am Hals.
„Oh, Scheiße“, stöhnte sie im Maisfeld.
Die Pute zappelte, und der Mann schleuderte sie auf die Schaufel eines Radladers. Er packte mit der Zange neue Puten, acht, neun, zehn, und als die Schaufel endlich voll war, fuhr er den Radlader zur Kadavergrube und kippte die Tiere aus. Einige von ihnen schlugen mit den Flügeln.
„Wir haben ihn doch, oder?“, fragte sie immer wieder im Maisfeld. „Ja“, sagte der Kameramann.
Tränen hinter der Kamera
Wenige Wochen später gibt es in Hannover im „Hotel am Funkturm“ Kaffee mit Sojamilch, dies ist eine Pressekonferenz der Tierrechtsorganisation Peta. Im Saal „Königshof“ steht Judith Pein aus Ostfriesland, sie trägt nicht mehr den dunklen Parka aus dem Maisfeld, sondern Jeans und einen Blazer. Unter dem Blazer kann man auf einem T-Shirt den Schriftzug „Stoppt Tierquälerei“ lesen.
Es hatte Hinweise gegeben, sagt die 33-Jährige. Als sich Peta-Ermittler daraufhin nachts auf der Putenfarm umsahen, fanden sie tote und kranke Tiere. Und sie fanden diese große Zange, Federn und Blut klebten daran. „Wir ahnten das Schlimmste“, sagt Judith Pein.
Am nächsten Vormittag kam dann der Mann mit dem blauen Overall.
„Die Ermittler haben geweint!“, ruft Dr. Edmund Haferbeck in den Raum „Königshof“. Der 55-jährige Agrarwissenschaftler arbeitet als Berater für Peta, und er sagt: „Solche Bilder habe ich in meiner langen Berufslaufbahn noch nicht gesehen!“ Haferbecks Berufslaufbahn ist immerhin schon 30 Jahre lang.
Der Putenmastbetrieb liegt an einem Feldweg, ein Fußgänger kann von hier zur Thülsfelder Talsperre laufen. Unterwegs würde buntes Herbstlaub unter seinen Schuhen knirschen, in den längst vertrockneten Maisblättern würde er den Wind rascheln hören. Und wenn er ganz genau die Ohren spitzte, könnte er vielleicht hinter roten Steinmauern leise junge Puten kollern hören. Sehen würde er die Tiere nicht, auch Menschen träfe er hier kaum.
Putenställe gehören zum Landschaftsbild im Landkreis Cloppenburg, drei Millionen Tiere gibt es hier. 30 000 davon hält die Familie G. in ihren vier Ställen.
Wer den Feldweg in Richtung Talsperre läuft, kommt am Haus der Familie G. vorbei. G. junior – laut Peta ist er der Mann mit der Zange – sagt auf Nachfrage der NWZ: „Ich weiß nichts von Videobildern, ich kann deshalb zu den Vorwürfen nichts sagen.“
Peta informiert Beschuldigte nicht vor einer Pressekonferenz, „das hat keinen Sinn“, meint Haferbeck.
Inzwischen hat Peta Strafanzeige gestellt, die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt gegen G. junior und G. senior wegen Verdachts auf Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Auch davon weiß G. junior nichts, sagt er.
Keine Beanstandungen
Beim zuständigen Veterinäramt des Landkreises Cloppenburg ist der Putenmastbetrieb bislang nicht aufgefallen. Laut Kreissprecher Ansgar Meyer wurde der Putenbestand zuletzt im Mai 2012, im März 2011 und im November 2010 kontrolliert. „Bei diesen Kontrollen sind in dem Betrieb keine Beanstandungen festgestellt worden“, so Meyer.
Wer Puten töten will, muss sie laut Tierschutzgesetz vorher per Kopfschlag oder Elektrozange betäuben. Erst danach erfolgt die Tötung „durch Dislokation der Halswirbelsäule“, wie es im Fachdeutsch heißt, sprich: durch Genickbruch. Der Tierhalter muss sich davon überzeugen, dass das Tier tatsächlich tot ist; vorher darf es nicht in die Kadavertonne verbracht werden.
Beim Landkreis Cloppenburg kennt man inzwischen die Videobilder von Peta. Soweit erkennbar, sind die Puten „tierschutzwidrig getötet worden“, teilt Kreissprecher Meyer mit. Er weist aber darauf hin, „dass die Tiere nach dem Eintritt des Todes noch einige Zeit unwillkürliche Reflexe (sogenannte Exzitationen) zeigen“.
Der Landkreis will jetzt den Tierbestand des Hofes „kurzfristig bezüglich der Einhaltung des Tierschutzes sowie der seuchen- und arzneimittelrechtlichen Vorschriften nochmals überprüfen“.
Auch Wilhelm Hoffrogge aus Dötlingen hat den Peta-Film mittlerweile gesehen. Hoffrogge sitzt dem Landesverband der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft vor, er sagt: „Das erschüttert mich.“ Aber er sagt auch: „Das ist ein Einzelfall.“ Seine Verbandsmitglieder hielten sich an Gesetze.
Peta-Berater Haferbeck hat einen anderen Verdacht. Er geht davon aus, dass Tiermisshandlungen in der Putenmast zum Alltag gehören; am Beispiel Friesoythe würden „systemimmanente Vorgänge“ sichtbar.
Aber warum sollte es zum System gehören, Tiere zu quälen?
„Warum?“ Haferbeck erhebt die Stimme: „Man spart Arbeitskräfte und Arbeitszeit, wenn man nicht ordnungsgemäß tötet! Man spart auch den Tierarzt!“ Die strenge Ökonomie sei eine Folge der Konzentration in der Branche: 1996 gab es 7 Millionen Puten in 7000 Betrieben, rechnet Haferbeck vor, 2010 waren es 11 Millionen Puten in 1925 Betrieben.
Weil er in der Konzentration das Übel sieht, listet er akribisch den Weg der Friesoyther Puten auf: Gewogen werden sie in Garrel, geschlachtet in Cloppenburg, vermarktet von Holdorf aus. Haferbeck nennt alle Firmennamen, er nennt auch Landwirt G. mit vollem Namen.
Und er nennt den Namen der CDU-Politikerin Astrid Grotelüschen, ehemals Landwirtschaftsministerin von Niedersachsen. Grotelüschens Mann sei großer Anteilseigner der Putenerzeugergemeinschaft Ahlhorn GmbH, ebenso wie der Putenmäster aus Friesoythe.
Die Peta-Pressekonferenz findet zeitnah nach der Ankündigung von Astrid Grotelüschen statt, für den Bundestag kandidieren zu wollen. „Zufall“, behauptet Haferbeck. Aber er sagt auch deutlich: „Ich möchte von ihr nicht regiert werden.“ Astrid Grotelüschen war am Dienstag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.
Landkreis kontrolliert
Tierquälerei kann Peta allein der Putenmäster-Familie G. nachweisen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen Vater und Sohn. Verstoß gegen das Tierschutzgesetz kann mit Geldstrafe oder mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft werden.
Auch der Landkreis Cloppenburg kann gegen Familie G. vorgehen, wenn er Beanstandungen feststellt. „Wir haben Sanktionsmöglichkeiten“, bestätigt Sprecher Ansgar Meyer, „bis hin zum Tierhaltungsverbot“.
Edmund Haferbeck, der vor 30 Jahren in Göttingen Agrarwissenschaft mit Schwerpunkt Tierproduktion studierte, sagt: „Puten sind in dieser Form nicht mastfähig, man kann diese großen Tiere nicht art- und tiergerecht aufziehen.“ Peta habe das Ziel, die Putenmast in Deutschland zum Erliegen zu bringen.
Bis dahin werden sich weiter Peta-Ermittler in Maisfeldern verstecken, kündigt Haferbeck an. Sämtliche Bilder, beteuert er, entstehen legal. Peta-Kritiker stellen die robusten Methoden trotzdem infrage.
Judith Pein lächelt knapp. Sie wird nun zurück nach Ostfriesland fahren und lange Spaziergänge an der Küste machen. „Irgendwie muss man den Kopf ja wieder freikriegen von diesem Mist“, sagt sie bitter.
