Bremen - Bessere Gehälter, arbeitnehmerfreundlichere Dienstpläne und eine höhere Wertschätzung durch die Gesellschaft sind aus Sicht des Gesundheitsökonomen Heinz Rothgang Schlüsselelemente, um mehr Menschen für Pflegeberufe zu gewinnen. Am aktuellen Personalnotstand seien nicht zuletzt die Bundesländer schuld: Sie kämen ihrer Pflicht zur Finanzierung der Investitionen nicht nach, sodass Kliniken gezwungen seien, am Pflegepersonal zu sparen.
Frage: Herr Professor Rothgang, was sind die größten Herausforderungen für die Pflege in deutschen Krankenhäusern?
Heinz Rothgang: Das wahrscheinlich größte aktuelle Problem ist der Pflegefachkräftemangel, der sich sowohl in unbesetzten Stellen niederschlägt, als auch in einer zu geringen Zahl an Stellen.
Frage: Wie kam es dazu?
Heinz Rothgang: Krankenhäuser stehen seit vielen Jahren unter großem finanziellen Druck. Die Landesbasisfallwerte, die das Niveau der Krankenhausvergütungen bestimmen, sind nur unzureichend angehoben worden, teilweise mit Steigerungsraten unterhalb der Lohnkostensteigerungen. Zudem kommen die Länder ihrer gesetzlichen Verpflichtung zur Finanzierung der Investitionskosten nicht nach, sodass inzwischen etwa die Hälfte dieser Kosten von den Krankenhäusern erwirtschaftet werden muss – was im Krankenhausfinanzierungsgesetz eigentlich nicht vorgesehen ist.
„Im ärztlichen Dienst konnte man nicht im gleichen Maße sparen“
Da die Personalkosten der mit Abstand größte Ausgabenposten sind, haben Krankenhäuser dort zu sparen begonnen. Zuerst bei der Reinigung und der Küche, dann bei der Pflege. Im ärztlichen Dienst konnte man nicht in gleichem Maße sparen, da die ärztlichen Prozeduren mit über die Krankenhausentgelte entscheiden und Kürzungen bei der Anzahl der Ärzte zu Einnahmeverlusten führen können.
Frage: Seit dem Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG) von 2019 werden die Pflegekosten nicht mehr über die Fallpauschalen bezahlt, sondern von den Krankenkassen. Was hat das gebracht?
Heinz Rothgang: Damit sind die Pflegekosten für die Krankenhäuser nur noch ein durchlaufender Posten. Einsparungen bei den Pflegekräften helfen den Häusern nicht mehr, die Anreize dafür entfallen. Grundsätzlich ist es nicht sinnvoll, einen finanziellen Posten gesondert zu vergüten, weil damit verhindert wird, dass der optimale Personalmix eingesetzt wird. Ist dieser Posten ungedeckelt, besteht zudem die Gefahr, dass immer mehr Tätigkeiten der Pflege überantwortet werden – auch wenn dafür weniger qualifiziertes Personal eingesetzt werden könnte. Dass im PpSG dennoch dieser Weg beschritten wurde, zeigt, wie dringend das Problem angesehen wurde. Da Veränderungen des Personalbestands immer ihre Zeit brauchen, werden wir die Auswirkungen des PpSG aber erst nach einem längeren Zeitraum erkennen.
Frage: Die Arbeitnehmerkammer Bremen sagt, es sei durchaus genügend Personal vorhanden, die Kliniken würden nur die Bedingungen für eine „gute Pflege“ nicht gewährleisten. Wie sehen Sie das?
„Eine bessere Personalausstattung verbessert die Arbeitsbedingungen“
Heinz Rothgang: Tatsächlich ist der Arbeitsmarkt für Pflegefachkräfte im Moment extrem angespannt, sodass es sehr schwer ist, solche Kräfte zu finden. Der berechtigte Hinweis der Arbeitnehmerkammer zielt aber darauf ab, dass sich mehr Menschen für den Pflegeberuf begeistern würden, aktive Pflegekräfte in geringerem Maße aus dem Beruf ausscheiden würden und sogar Ehemalige zurückgewonnen werden könnten, wenn sich die Arbeitsbedingungen verbessern – insbesondere durch eine bessere Personalausstattung. Wir haben es also mit einer paradoxen Situation zu tun. Wir müssen mehr Stellen schaffen, da nur so das notwendige Personalangebot entsteht, um diese dann auch zu besetzen.
Frage: Wie kann man den Pflegeberuf an Krankenhäusern wieder attraktiver machen?
Heinz Rothgang: Wichtige Elemente sind die Verbesserung der Personalausstattung und der Entlohnung, aber auch die Dienstplangestaltung, die Schaffung von Aufstiegsmöglichkeiten und mehr Anerkennung für den Beruf. Hierzu gehört auch, die Handlungsspielräume der Pflege zu erweitern – wozu im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung durchaus Ansätze vorhanden sind.
