Oldenburg - Um „Wege zum Menschsein – mit der Notwendigkeit der Gnade“ ging es am Dienstag bei dem Vortrag des Philosophen, Psychoanalytikers und Kirchenkritikers Dr. Eugen Drewermann. Zum vierten Mal war der 74-jährige Gastredner in der Lambertikirche. Stadtkirchenarbeit und die Evangelische Studierenden Gemeinde (ESG) der Universität sind die Veranstalter dieser Predigtreihe. Geplant ist, die zwölf Predigten dieser Reihe in einem Buch zu veröffentlichen.
Die Kritik an der Institution Kirche und den Erscheinungsformen des Kapitalismus’ zog sich wie ein roter Faden durch den Vortrag. Drewermann sprach von der Macht der Kirche, die immer mehr darunter leidet, nicht die richtigen Inhalte liefern zu können.
Wenn Drewermann über das biblische Gleichnis vom verlorenen Schaf oder über das Schicksal von Flüchtlingskindern in der Nachkriegszeit spricht, bleibt die Stimme sanft. Drewermann verzichtet auf Gesten. Wenn es hingegen um den Einsatz für Hartz-IV-Empfänger geht, die durch zu hohe Leistungsansprüche am Arbeitsplatz krank und „gelähmt“ werden, wie Drewermann es ausdrückt, hebt er die Stimme. Er fordert mehr Verständnis für die Menschen, die nicht so sein können oder wollen, wie alle anderen.
„Wer wie alle anderen sein will, muss krank werden“, so seine These. Anhand der Person des Königs im Brüder-Grimm-Märchen „Rumpelstilzchen“ erklärte er, Menschen würden „gefräßiger“, wenn man stets ihren Befehlen folge. Disziplin und Pflichterfüllung seien in der Gesellschaft gefragt. Wer das nicht könne, werde bestraft. „Ist der Wärter, der im iranisch-amerikanischen Gefängnis Abu Ghoraib auf Befehl pflichtgemäß und diszipliniert foltert, ein guter oder ein böser Mensch?“, fragte der Theologe.
Der „gute Mensch“ gelte als „normal“, führte Drewermann aus. Der „böse Mensch“ müsse bestraft werden, denn er wolle „böse“ sein. Drewermann fordert dagegen, man müsse auch auf den „bösen Menschen“ zugehen, um zu erfahren, warum er so geworden sei. Drewermann besteht bei der Beurteilung des Menschen darauf, Einfühlungsvermögen zu zeigen und die Entwicklung der Persönlichkeit zu berücksichtigen.
Aus dem Publikum kam darauf die Frage nach der „Freiheit des Menschen, böse sein zu dürfen“. Drewermann blieb die Antwort nicht schuldig: „Solche Fragestellungen motivieren mich, auch ein fünftes Mal nach Oldenburg zu kommen.“
Drewermann ist ein glänzender Rhetoriker und spricht 90 Minuten frei. Die Basis seiner Aussagen ist eine enorme Kenntnis philosophischer Zusammenhänge, theologisches Wissen, psychoanalytische Kompetenz und die Vertrautheit mit den aktuellen Ereignissen in Wirtschaft und Politik.
Unter Papst Johannes Paul II wurde ihm auf Geheiß von Joseph Kardinal Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI, die Predigtbefugnis und das Priesteramt entzogen. Der 2005 aus der römisch-katholischen Kirche ausgetretene Drewermann sprach zur Begrüßung in der Lambertikirche die Anwesenden mit „Liebe Brüder und Schwestern“ an und beendet seinen Vortrag mit einen langen Gebet.
