HOHENKIRCHEN - Er hat 60 Kilometer Hauptdeichlinie zwischen Dangast und Harlesiel unter sich, außerdem 40 Kilometer zweite Deichlinie und zwei Deichschäfereien mit rund 13 000 Schafen: An diesem Freitag, 27. November, feiert „Deichgraf“ Früsmer Ortgies, seit 18 Jahren Vorsteher des III. Oldenburgischen Deichbands, seinen 70. Geburtstag.

Er ist, wie er sagt, in der vierten Generation Bauer. „Auf den Begriff Bauer lege ich großen Wert“, betont Ortgies, der 2006 seinen Hof in Grimmens an seinen Sohn Tjako übergab. Auch auf das Plattdeutsche ist er stolz und spricht es bei jeder Gelegenheit. „Und einen lauten Hals hatte ich schon immer“, sagt er schmunzelnd. Er hat sich bei vielen Gelegenheiten Gehör verschafft. Aber nicht nur deswegen war er Aufsichtsratsmitglied der Raiffeisenbank, heute Volksbank Jever, und begleitete die Fusionen der Volksbanken Wangerland und Sande mit Jever.

Nach dem Besuch des Progymnasiums in Hohenkirchen lernte Früsmer Ortgies – „mein Vorname Früsmer ist ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland“ – seinen Beruf. 1964 heiratete er seine Frau Inse-Marie, die als CDU-Politikerin Karriere machte.

Mit Naturgewalt leben

„Mit Wasser habe ich mich schon immer beschäftigt“, berichtet er. Schließlich müssen die Menschen an der Küste mit den Naturgewalten leben – „da ist es nur natürlich, sich auf die Sicherheit vor dem Element Wasser zu konzentrieren“. Als 1962 die verheerende Orkanflut über die Küste hereinbrach, standen alle Straßen unter Wasser und seine Familie musste auf die Deichkrone flüchten.


Vor 18 Jahren ließ sich Ortgies zum Vorstand des III. Oldenburgischen Deichbands wählen. Es ist ein Ehrenamt voller Traditionen, die Vorstandsmitglieder heißen noch immer Deichgeschworene. Die Verbände sind selbstverwaltete Körperschaften des öffentlichen Rechts. Jeder, der im Verbandsgebiet lebt, zahlt Beiträge. Mit den Geldern von Land, Bund und der EU kann der Verband jährlich drei bis fünf Millionen Euro für den Deichbau ausgeben.

Seit 1962 hat das Land Niedersachsen zwei Milliarden Euro für den Küstenschutz ausgegeben, weiß Ortgies. Für ihn ist klar: „Bei weiteren Investitionen in Deicherhöhungen müssen wir die wissenschaftlichen Ergebnisse berücksichtigen.“

Obwohl er direkt betroffen vom Klimawandel ist, sieht Ortgies ihn nüchtern. Bislang gebe es zu viele unterschiedliche Voraussagen. Er halte sich an den Weltklimarat, der einen Meeresspiegelanstieg von 19 bis zu 59 Zentimetern bis zum Ende des Jahrhunderts vorhersagt. Letztlich sei ohnehin wichtiger, wie die aufgepeitschte See den Deich bearbeite.

Herausforderung Deichbau

Sein größtes Projekt ist die Erhöhung und Neuprofilierung des Elisabethgrodendeichs zwischen Harlesiel und Schillig. Ein enormes Projekt in der Vergangenheit war die Deicherhöhung am Jadebusen: 1996 gab es einen gerichtlichen Baustopp am Cäciliengrodendeich nach einer Klage des Naturschutzverbands BUND. Damals ging es um die Kleientnahme außendeichs, die die Naturschützer ablehnten. Doch sie hatten nicht mit den Friesen gerechnet: In der Nacht zum 31. August 1996 protestierten rund 16 000 Anwohner mit Fackeln auf dem Deich in Cäciliengroden gegen den Baustopp.

Daraus hat Ortgies viel gelernt – und wendet es beim Elisabethgrodendeich an: Monatelang saß er nach dem Streit mit den Naturschützern zusammen und erarbeitete ein Papier zum „Verfahrensmanagement im Küstenschutz“. Für die neue Baustelle wird so viel Klei wie möglich auf dem Festland abgebaut, ein Teil des Kleis wird auch aus den Salzwiesen entnommen – das Genehmigungsverfahren, das der Landkreis Friesland dafür anstrengte und von vornherein die Naturschutzverbände beteiligte, hat Modellcharakter.

Sportlich sei er eine Null, erzählt Ortgies über sich, dafür helfe er noch auf dem Hof seines Sohnes. Sein Hobby ist die Jagd.

Das Motto seines Engagements ist „Einer ist keiner.“ Damit meint Ortgies das eigenverantwortliche Engagement mit Gleichgesinnten für die Allgemeinheit. Nicht zuletzt deshalb wurde er in die Albrecht-Thaer-Gesellschaft in Celle berufen. Sie hat sich nach dem Vorbild des Arztes und Gutsherrn Albrecht Thaers (1752 bis 1828) die wissenschaftliche Erforschung der Landwirtschaft in Niedersachsen zur Aufgabe gemacht.

Heute feiert Orties im Kreis seiner Geschwister, der Kinder Tjako und Elka sowie der Enkelkinder Rieke und Jördis ein ruhiges Fest, da wenige Tage zuvor seine Mutter verstarb.