Horumersiel - Für Rolf-W. Becker gibt es keinen schöneren Anblick: Geschmückt mit einer Girlande aus Tannengrün steht seit Mittwoch der Hohe Stuhl wieder an seinem einstigen Platz. Von oben hat man einen weiten Blick über den Sielort – nur die Bäume stören etwas: Die Nordsee ist dahinter verborgen.

Mit zwei Kränen und zwei Hubbühnen wurden am Mittwochmorgen die Einzelteile des 7,50 Meter hohen Utkieks zusammengesetzt. Die Eichenhölzer waren in einer Sägerei in einem Abbund-Zentrum in Schleswig-Holstein passgenau gesägt worden, die Firma Bargen in Jever hatte das Bauholz dann an die Zimmerei Manfred Harms in Jever geliefert. Das Unternehmen war mit der Aufstellung des Hohen Stuhls beauftragt. Beckers Nerven waren dann am Ende „doch etwas beruhigt“.

Fünf Jahre hat er den Wiederaufbau des einstigen Horumersieler Wahrzeichens geplant – und oftmals dafür gekämpft. Denn immer wieder musste neu gedacht werden, immer wieder mussten erneut Gespräche geführt werden. Doch nun steht er wieder da der Hohe Stuhl von Horumersiel.

Horumersiels Hoher Stuhl

Der „Hohe Stuhl“ ist eine Rekonstruktion des einstigen Seenotbeobachtungsturms im Hafen Horumersiel. Vom Hohen Stuhl aus beobachteten die Seenotretter einst die See, um havarierte Schiffe zu entdecken.

Der erste Hohe Stuhl stand von 1867 bis 1883 am einstigen Hafen, ein zweiter von 1884 bis 1947. 1947 war er wegen Baufälligkeit abgerissen worden.

Der auch „Utkiek“ genannte Turm hatte nicht nur die Funktion, die See im Blick zu behalten, sondern war immer auch ein Wahrzeichen. Daher hatte Architekt Anton Willms bereits 1951 die Idee, den Turm wieder aufzubauen. Deshalb war der Verein Historische Seenotrettung Horumersiel einige Jahre daran, Spenden für den Nachbau zu sammeln.

Der neue Turm ist genau wie das Original 7,50 Meter hoch und aus Holz gebaut. Er steht auf der so genannten „Blumenwiese“ an der Straße „Zum Hafen“ westlich direkt neben dem Gebäude der Wangerland Touristik (WTG). Das entspricht in etwa dem Standort des früheren Ausgucks.

Rolf Becker, 2. Vorsitzender des Vereins „Historische Seenotrettung Horumersiel“ und seine Mitstreiter wie der 1. Vorsitzende Wieland Rosenboom und weitere 69 Vereinsmitglieder sind alle stolz, dass sie ihren Traum verwirklicht haben. „Ich bin ganz erfüllt, dass alles so geklappt hat, dass das Bauwerk steht und dass ich daran mitgewirkt habe“, sagt Becker.

Schon 1951 kam in Horumersiel die Idee auf, den 1947 wegen Baufälligkeit abgerissenen Hohen Stuhl wiederaufzubauen. Doch insgesamt dauerte es nun 72 Jahre, bis der Sielort sein altes Wahrzeichen wieder hat.

Begonnen hatte für Becker alles damit, dass er den einstigen Utkiek zur Seenotrettung nach alten Fotos rekonstruierte und als Modell nachbaute. Schnell stand für den Verein Historische Seenotrettung fest, dass der Hohe Stuhl in Originalgröße wiedererstehen soll.

Zunächst war geplant, den neuen Hohen Stuhl begehbar zu machen. Doch die erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen hätten eine etwas kompliziertere Statik erforderlich gemacht – und die hätte die finanziellen Möglichkeiten gesprengt.

Also wurde abgespeckt und so entstand der jetzige Hohe Stuhl. Hinaufklettern ist verboten – auch das ist übrigens original: Alte Horumersieler erinnern sich noch daran, wie sie „schnell rauf und wieder runter sind – das durfte keiner mitbekommen“. Die Gesamtsumme des Projekts liegt bei 46 500 Euro – finanziert durch Spenden und Sponsoring und mit EU-Zuschüssen.

In der langen Projektphase habe er viel gelernt, sagt Becker. So habe er erfahren, wie man Fördergelder einwirbt. „Und ich habe mich häufig in Geduld üben müssen, wenn der Fortschritt aus welchen Gründen auch immer auf sich warten ließ.“

Nun fehlt nur noch die Pflasterung rund um den Hohen Stuhl, eine Infotafel und eine Sitzbank sollen auch noch aufgestellt werden. Bis zur offiziellen Einweihung am 28. Juni um 14 Uhr sollte das auch fertig sein.