HUDE - In der Ecke steht ein Sherry-Fass, daneben zwei Schaukelstühle. Direkt darüber baumelt ein Kronleuchter von der Decke. An der Wand steht eine Kommode aus dunklem Holz mit zwei Flaschen Single Malt Whisky der schottischen Destillerie Glenfiddich. Was wie ein Ausschnitt aus einem englischen Pub wirkt, ist ein Teil von Kirsten Scholz’ Büro. Die 46-jährige Chefin der Firma Nordset hat sich am neuen Standort im Gewerbegebiet „Zur Burg“ diese „gemütliche Ecke“ gegönnt.

So ungewöhnlich wie das Arbeitszimmer der Geschäftsführerin ist auch die Erfolgsgeschichte der Firma, die sich auf die Produktion von Einmal-OP-Abdeckungen und Einmal-OP-Sets, die in der Augenchirurgie eingesetzt werden, spezialisiert hat.

Kunden werden überwiegend auf Messen gewonnen – so wie zuletzt im Februar beim Weltkongress für Augenheilkunde in Abu Dhabi. Ergebnis: „Wir produzieren jetzt Muster für Pakistan und Kuwait“, berichtet Kirsten Scholz, die die Akquise immer zusammen mit Produktionsleiterin Christa Demuth (56) betreibt: Man nennt die beiden führenden Köpfe von Nordset auch scherzhaft die „terrible twins“.

Angefangen hatte die gebürtige Karlsruherin Scholz, eine gelernte Übersetzerin für Englisch, vor 18 Jahren mit einer „normalen“ Vertriebs-GmbH. Das Produkt „OP-Abdecksysteme“ hat sie sich von einer Firma aus Süddeutschland „dazugekauft“. Das Nischenprodukt erwies sich für Kirsten Scholz, die mit drei Mitarbeitern gestartet war, als Volltreffer: Schnell platzte der bisherige Firmensitz an der Langenberger Straße aus allen Nähten. Im Gewerbegebiet „Zur Burg“ hat die Firma nun den idealen Platz gefunden. Das seit längerem leerstehende Gebäude wurde seit November vorigen Jahres umgebaut und um eine 500 Quadratmeter große Lagerhalle erweitert. Die reine Produktionsfläche hat sich von 100 auf 400 Quadratmeter vervierfacht. Vorerst ist das Areal gemietet, langfristig möchte Kirsten Scholz die Immobilie kaufen.

Scholz und Demuth sind stolz darauf, den Umzug ohne Produktionsausfall geschafft zu haben. Daran hatten auch die Mitarbeiter, die an den Wochenenden mitangepackt haben, großen Anteil. Ihnen und den Nachbarn, die den Umbaulärm ertragen haben, soll am 30. Juni bei einer Einweihungsfeier gedankt werden. Überhaupt herrscht bei Nordset ein familiäres Klima. „Unsere Ladies“ nennen die Chefinnen beinahe liebevoll die Mitarbeiterinnen, die im „Reinraum“ OP-Sets steril verpacken.


Seit Anfang der Woche läuft die Produktion am neuen Standort, der nicht nur mehr Platz, sondern auch neue effizientere Technik bietet. Investiert wurde unter anderem in eine neue Maschine, an der die Rollen mit dem Material für OP-Abdeckungen zurechtgeschnitten werden. Auch eine Industrienähmaschine gehört jetzt zur Ausstattung. „Wir überlegen, künftig auch selbst OP-Kittel zu nähen, um die Spitzen abzudecken, wenn es zu Engpässen kommt“, sagt Scholz. Bis zu 30 000 Einmalkittel gehen von Hude aus im Monat auf die Reise. 15 000 OP-Sets werden monatlich produziert – Tendenz steigend. Das 30-köpfige Team sucht derzeit noch Verstärkung. Packerinnen in der Spätschicht werden gebraucht. „Wir sind auf weiteres Wachstum ausgerichtet“, sagt Kirsten Scholz. Ihr könnte es dabei eigentlich nicht schnell genug gehen. Nicht von ungefähr mahnt ein Schild in ihrem Büro: „Nur Geduld: Es dauert bis aus Gras Milch wird“.

Von Hude aus werden OP-Sets mit Abdecktüchern, Ablaufbeuteln, Kitteln, Kompressen, Kanülen, Tupfern, Pinzetten, Lidsperren und Skalpellen an Kliniken und Praxen in ganz Deutschland und ins Ausland geliefert. Der Exportanteil liegt bei rund 70 Prozent. Neuerdings zählen auch Krankenhäuser in Kapstadt (Südafrika) zu den Abnehmern.

Stark gefragt sind die OP-Sets „made in Hude“ auch in England. In Frankreich, Russland, Kasachstan, Portugal, Rumänien, Finnland, Ungarn und Griechenland schwören Chirurgen ebenfalls auf die Produkte von Nordset.