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Kursus In jedem steckt ein kleiner van Gogh

Merle Strudthoff

HUDE - Einmal Zeichnen wie Leonardo Da Vinci in seinen legendären Skizzen oder Vincent van Gogh in seiner Jugend – das wäre doch was. Mit dieser Motivation, aber einem eher fragwürdigen Zeichentalent, sitze ich an diesem Sonnabend im Kreativzentrum an der Huder Von-Witzleben-Allee. Ich will mich am sechsstündigen Kurs „Zeichnen für Anfänger“ der regio­VHS Hude-Ganderkesee versuchen. „Jeder Zeichnende wird ein gelungenes Bild am Ende des Tages in den Händen halten und wissen, dass Zeichnen erlernbar ist“, hieß es in der Ankündigung. Das will ich ausprobieren.

Bewaffnet mit Zeichenblock und Bleistift, sitze ich mit sieben weiteren Kursteilnehmerinnen im hellen Kaminzimmer des Kreativzentrums. Katharina links neben mir erklärt ihre Teilnahme mit dem harten Arbeitsalltag: „Als ich anfing zu arbeiten, starb das Zeichnen.“ Und Teilnehmerin Corinna sucht einfach ein neues Hobby.

Die Kunst der Kunst

Kursleiterin Gerlinde Jäkel ist eine erfahrene Zeichnerin und extra aus Bremen gekommen, um uns Unerfahrene in die Kunst der Kunst einzuführen. Sie ermutigt uns: „Schlechtes Zeichnen gibt es gar nicht, denn jeder Mensch sieht Zeichnungen anders.“ Immerhin konnte Vincent van Gogh zu Beginn auch nicht perfekt zeichnen. Übung macht eben doch den Meister.

Zunächst starten wir mit kleineren Übungen: Auf einem DIN A2-Blatt sollen wir mit einem Granitstift zeichnen, ohne den Stift abzusetzen. „Damit Ihr ein Gefühl für die Größe des Blattes bekommt“, erklärt Jäkel. Zeichnen sei Kopfsache, sagt sie. Eigentlich sogar nur Sache der rechten Kopfhälfte.

Während Menschen hauptsächlich die linke Gehirnhälfte nutzen, da diese für Wörter und Zahlen zuständig ist, brauchen Künstler die rechte Hälfte für Fantasie und Kreativität. Um diese „anzukurbeln“, gilt es nun, eine etwas kniffeligere Aufgabe zu bewältigen: Wir drehen uns so weit vom Zeichenblock weg, dass wir ihn nicht mehr sehen, aber noch darauf zeichnen können. Gleichzeitig halten wir ein Laubblatt in der anderen Hand. Fünf Minuten lang zeichnen wir das Laubblatt, ohne das Ergebnis eines jeden Bleistiftstrichs zu sehen. So soll unser Sinn für den zu zeichnenden Gegenstand geschärft, jede Blattader erfasst, jeder Zinken am Rand aufgezeichnet werden. Fünf Minuten später dann das ernüchternde Ergebnis: Das gezeichnete Laubblatt ist drei Mal so groß wie das Original, komplett verformt, das Innenleben schief daneben. Doch mein Sinn für den Gegenstand ist wohl tatsächlich geschärft worden: Das Blatt jetzt komplett abzuzeichnen, ist kein Problem mehr.


Dann kommen wir endlich zur Hauptaufgabe: Wir sollen unsere eigene Hand zeichnen. Dafür muss ich erst einmal eine Art „Sichtfenster“ benutzen. Schon van Gogh hatte so etwas, heißt es. Doch während er auf kleine Balken und Drähte zurückgreifen musste, können wir dafür eine durchsichtige Folie und Folienstifte nutzen. Auf die Buchdeckel-große, stabile Folie male ich zuerst zwei Linien zu einem Fadenkreuz. Diese Folie klebt Jäkel mit Kreppband so auf meiner linken Hand fest, dass ich mit dem Folienstift die Konturen meiner Hand, meiner Finger und der Handlinien in groben Strichen auf der Folie nachziehen kann – als zeichnerische Vorlage, um meine Hand schließlich aufs Papier zu bringen.

Ich zeichne also die Konturen von der Folie ab, erfasse weitere Details auf meiner Hand, schraffiere schattige Stellen etwas dunkler und radiere hellere Stellen wie die Fingernägel aus. Voil` – meine Zeichnung ist fertig.

Ergebnis stellt zufrieden

Nach sechs Stunden intensiven Zeichnens kann ich tatsächlich auf ein zufriedenstellendes Ergebnis blicken, finde ich. Und auch Nachbarin Katharina und die anderen sind zufrieden. Ich bin mir sicher: Ich habe ein Gefühl dafür bekommen, wie man das „Zeichnen“ angehen kann: gedankenlos. „Der ideale Zustand im Kopf ist, dass da nichts ist“, erklärt Jäkel.

Sie hat Recht. Wenn man sich keine Gedanken darüber macht, was oder wie man zeichnet, wird das Werk am besten. Und für engagiertere Zeichner gilt: Auch Vincent van Gogh hat es irgendwann geschafft!  

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