HUDE - „Du hast aber einen schönen Fisch gemalt“, sagt die dreijährige Lila zu mir und strahlt mich an. Ich bin stolz. Grinse über das ganze Gesicht. Freue mich über das Kompliment für meinen dicken, blauen Fisch in Wasserfarbe mit grell-bunten Schuppen. Schließlich hatte ich schon mindestens eine halbe Ewigkeit lang keinen Pinsel mehr in der Hand. Marvin schlägt sogar vor: „Mal’ doch noch einen!“ Kurz gerate ich in Versuchung: Das Klecksen hat Spaß gemacht, meine Finger sind schon ganz bunt. Die Kinder glauben scheinbar an mein Talent.
Ich lehne trotzdem ab. Schließlich will ich bei meinem Rollentausch im Kindergarten Gänseblümchen an der Blumenstraße so viel wie möglich aus allen Gruppen mitbekommen.
Mein Arbeitstag hat um 9 Uhr begonnen – mit einer Besprechung im Team. Die Kolleginnen kümmern sich schon seit 8 Uhr um die Kinder, die jetzt gerade ihr Frühstücksgeschirr abräumen. Ich bin erstaunt: Die Jungen und Mädchen erledigen alles selbstständig. Niemand schreit herum. Überhaupt ist der Tagesablauf für die Kinder gut durchorganisiert.
Ab 9.30 Uhr steht Spielen auf dem Programm. Ich quatsche mit Patrick. Der Fünfjährige nagelt Kronkorken auf einen Holzbalken. Auf die Finger hat er sich noch nicht gehauen – zumindest nicht doll. Nico steuert mich an, hält mir ein rotes Auto unter die Nase. „Das hat gar keine Räder“, stell’ ich nüchtern fest. Blöder Kommentar: Nico ist enttäuscht. Ich versuche, Wiedergutmachung zu leisten, indem ich erkläre, dass ich das Auto auch ohne Räder ganz super finde. Auch nicht besser.
Dann geht es nach draußen: Buddelhosen, Gummistiefel und dicke Jacken gehören zur Ausstattung der Kleinen. Ich will helfen: Beim Kampf mit den Latzhosen, Schnürsenkeln und Reißverschlüssen. Doch die Kolleginnen signalisieren, dass die Rasselbande das alleine schafft. Also dirigiere ich: „Räum’ deine Schuhe weg.“ „Mach’ die Jacke zu.“ „Trödel nicht herum.“
Im Sandkasten fühle ich mich wie ein unbeholfenes Riesenbaby: Einfach fehlplatziert. Doch dann hält Beke mir einen „Sandkuchen“ unter die Nase: „Der ist für dich.“ Ich darf also wieder mitspielen, fülle Förmchen und lass’ mir die Füße im Sand verbuddeln. Ich versuche, die Gruppe im Blick zu haben, achte auf Zankende und wische einem weinenden Jungen die Tränen aus dem Gesicht.
In der Gruppenstunde wird dann über die Farbe Rot gesprochen. Rotes Obst soll gemalt werden. Ich bekomme einen Kittel, Pinsel und Papier und male wieder: diesmal einen Apfel.
Als die Eltern mittags ihren Nachwuchs abholen, mache ich Feierabend. Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich einen Rollentausch als Erzieherin gemacht habe. Schließlich durfte ich ja mitspielen – und mal wieder ganz wunderbar kindische Sachen machen.
In dieser Serie verlassen NWZ -Mitarbeiter die Redaktion und schlüpfen für einen Tag in einen anderen Beruf.
