HUNTLOSEN - HUNTLOSEN - Kalt ist es. Der Nebel kriecht in meine Jacke und ich stehe am Tor des Naturkindergarten Hosüne in Huntlosen. Welcher Teufel mich geritten haben mag, einen Tag als Hilfserzieher mit einem Rudel Drei- bis Sechsjähriger zu verbringen, weiß ich nicht mehr. Jetzt jedenfalls gibt es kein Zurück. Ich habe meine alte Gitarre in der Hand und bin fest entschlossen, weder mich noch die Kinder zu schonen und für einen Vormittag meine Redaktion gegen einen Kindergarten einzutauschen.
Als mich Stefanie Born, die Kindergartenleiterin, begrüßt, ist nur die kleine Zoé schon da. Allerdings ist das kleine blonde Mädchen mit den herzzerreißend süßen Zöpfen, so in die Arbeit in der Küche vertieft, dass sie keine Notiz von mir nimmt. Stefanie, die gleichzeitig auch die leitende Erzieherin im Fuchsbau ist, nutzt die Ruhe vor dem Sturm, um mir den Kindergarten zu zeigen und mich mit meinem Vormittagsablauf vertraut zu machen.
Weil Ferien sind, kommen nur 15 Kinder. Doch während ich mich noch über die vermeintliche Erleichterung der Aufgabe freue, rollt die knuddelige Lawine auf mich zu. Leon lässt es sich als alter Hase nicht nehmen, mich mit den notwendigen Überlebensregeln zu versorgen. Er kommt aber nicht weit, da Zoé am Nebentisch in markerschütterndes „Tri tra trullala“ ausbricht. Ich setze mich an den Maltisch, um mit den Kindern ins Gespräch zu kommen.
Als erste gute Tat versuche ich, mit einem recht unangespitzten Bleistift eine Igelschablone auf ein Blatt Papier abzubilden. Die Schablone hat mir Robin in die Hand gedrückt – offensichtlich um meine Integration etwas voranzutreiben. Als ich an einem der unzähligen Stachel mit dem Bleistift abrutsche und die eigentlich gerade Linie eine hässliche Delle bekommt, schaut mich Robin mitleidig an: „Bist abgerutscht, was?“ Ich senke betreten meinen Blick auf das Blatt Papier. Aber Robin schaut mir fest in die Augen, und lächelt ebenso väterlich aufmunternd wie altersweise: „Is' egal.“ Und tatsächlich gelingt es mit der Hilfe von Robin, Jennifer, Justus und Jonas einen respektablen und knallbunten Punk-Igel zu vollenden. Gerade noch rechtzeitig vor dem Morgenkreis.
Im Morgenkreis versuche ich mich bei den Kindern beliebt zu machen: Ich mache von der Gitarre Gebrauch. Die Strategie geht auf. Wenn es so etwas wie ein Rolf-Zuckowski-Glücksgefühl gibt, dann spüre ich es gerade warm in mir aufsteigen.
Robin holt mich auf den Boden zurückholt: „Du bist ganz schön dick!“, sagt er musternd und schaut an mir hinauf. Dass Robin Recht hat, merke ich umgehend, als ich auf Knien vor dem in kindgerechter Höhe angebauten Waschbecken versuche mir ohne Bandscheibenvorfall die Hände zu waschen.
Inzwischen hat sich eine große Menge goldgelber Butter in einem von Zoés Zöpfen verfangen. Mit einer für solche Fälle denkbar ungeeigneten Serviette nehme ich den Kampf mit dieser besondern Art von Butterzopf auf.
Auch beim anschließenden Fußballspiel bin ich hoffnungslos unterlegen. Stefanies Schlusspfiff leitet einen spontanen Schlusskreis ein. Tränen fließen beim Abschied zwar nicht, aber die ersten Verabredungen zu einem gepflegten Kick mit Robin bei meinem nächsten Besuch habe ich schon in der Tasche – ob Robin weiß, wie stolz ich darauf bin?
