HURREL - Sonnabendvormittag in Berlin: Vertreter aus mehr als 50 Ländern trafen sich zum Welt-Agrargipfel. Begleitet wurden sie von einer Großdemonstration am Brandenburger Tor. Die Teilnehmer protestierten gegen die industrielle Landwirtschaft. Die Wut der Demonstranten wurde durch den jüngsten Dioxin-Skandal angeheizt. Zur gleichen Zeit machten Vertreter der Landwirtschaft im über 400 Kilometer entfernten Hurrel deutlich, welche Konsequenzen dieser Skandal für sie vor Ort hat.
Markt zusammengebrochen
Ausgehend von einer Verunsicherung der Verbraucher und deren verändertem Konsumverhalten, leiden die Fleischerzeuger nach Angaben von Jürgen Seeger, Vorsitzender des Kreislandvolkverbandes, unter einem Preisverfall von einem Drittel. Pro Schwein sei der Preis um bis zu 40 Euro gefallen, erklärte er und fügte hinzu: „Der Markt ist zusammengebrochen.“
Seeger hatte Unterstützung dabei, am Sonnabendvormittag im Landgasthaus Mehrings. Er hat die Erzeugerkette zusammengerufen – zumindest einzelne Vertreter. Es ging los mit Heinrich Bruns vom Agravis Kraftfutterwerk Oldenburg. In der weiteren Entwicklung der Fleischproduktion folgten Hugo Lohmann von der RWG Hunte-Weser (Vertrieb des Futters), Ferkelerzeuger Heinz Brinkmann (Hurrel), Schweinemäster Renke Dählmann (Lintel), Josef Wigger von der Raiffeisen Viehverwertung, die beispielsweise für Dählmann die Preisverhandlung mit Schlachthöfen durchführt. Von dort gelangt das Fleisch in den Einzelhandel. Als dessen Vertreter war Hergen Kämena von „Müllers Wurstdiele“ nach Hurrel gekommen.
Was die Botschafter der Warenkette verbindet, ist nicht nur der Preisverfall. Es ist auch der Ärger über den Vertrauensverlust. Unterstützung erhielten sie von dem CDU-Landtagsabgeordneten Ansgar Focke. Er sagte über die Verunreinigung von Futtermittel durch die Firma Harles und Jentzsch aus Schleswig-Holstein: „Der Betrieb hat kriminell gehandelt und gegen Gesetze verstoßen.“
Die Branchen-Vertreter machten bei dem Informationsaustausch deutlich, wie viele Kontrollen es bereits gebe und warben um Vertrauen. Heinrich Bruns sprach von 170 000 Analysewerten, die in seiner Firma pro Jahr genommen werden. Und auch Renke Dählmann machte klar, wie viele Kontrollmechanismen wirken. So sei jedes Schwein mit einer Marke gekennzeichnet und in einem Bestandsregister geführt. Futter beziehe er von zertifizierten Werken, außerdem komme regelmäßig der Tierarzt, um die Gesundheit zu überprüfen. Am Ende bekomme er ein Schlachtprotokoll. Und wenn etwas nicht in Ordnung sein sollte, wird es ihm mitgeteilt. „Ich weiß, was in meinem Stall los ist“, sagte er, „wir wollen nicht mit den schwarzen Schafen über einen Kamm geschoren werden.“ Deutlicher wurde Kämena: „Wir müssen uns nicht rechtfertigen, aber wir hängen mit Haut und Haaren drin. Das sind unsere persönlichen Werte.“ Mit ihnen gehe man sehr sorgsam um.
Maßnahmen wirken
Deshalb sei man auch für jede bisher festgelegte Kontrollmaßnahme. „All das, was über Jahre hinweg aufgebaut wurde, bewirkte, dass schnell reagiert werden konnte“, so Kämena, „der Verbraucherschutz ist aktiv.“ Und auch Josef Wigger ist sich sicher: „Dass Höfe so schnell gesperrt wurden, zeigt, dass der Schutz greift.“ Bernhard Wolff, Geschäftsführer des Kreislandvolkverbands, fasste zusammen: „Die Zusammenarbeit klappt, die Kontrollen funktionieren. Wenn etwas Falsches in den Handel gelangt, dann ist es kriminell.“
Genau dagegen könne auch ein weiterer Kontrollmechanismus nicht helfen, so Focke. Der Abgeordnete versprach, Lücken zu schließen und verriet, dass die Politik Maßnahmen zur Unterstützung der Landwirte ausarbeite. So werde die Möglichkeit eines Entschädigungsfonds diskutiert. „Klarheit werden wir im Laufe der nächsten Woche erhalten“, versprach er. Da wird aber dann doch wohl wieder Berlin ein Wörtchen mitzureden haben. Und letztendlich dürfte Vertrauen die größte Unterstützung für Heinz Brinkmann, Renke Dählmann und Co. sein.
