Wildeshausen/Groß Köhren - „Torte?“ Um die reich gedeckte Kaffeetafel sitzen acht Damen, löffeln Sahne auf ihre Teller und genießen die Sonne. Am Kopfende thront ihr Chef und gießt Milch ins Blümchenporzellan. „Zucker?“. Dass mein Arbeitstag so süß anfängt, hätte ich nicht gedacht. Auf dem Hof Alfken kommt das Vergnügen vor der Arbeit. Zumindest für mich und meinen Einsatz als Erntehelferin.

Während die Frühschicht bereits um vier Uhr morgens auf dem Feld stand, um von Groß Köhren aus den Beerenhunger der Wildeshauser, Harpstedter, Bremer, Delmenhorster, Huder, Ganderkeseer und Oldenburger zu stillen, darf ich meine Pflückversuche am Nachmittag starten. Die erste Ladung ist längst an die rund 20 Verkaufsstände geliefert – und ein Großteil vermutlich vernascht – worden.

„Unsere Früchte kann man gleich essen. Da schmecken sie am besten“, sagt Rudolf Alfken und schleckt im Beisein seiner Mitarbeiterinnen den letzten Krümel Erdbeerkuchen vom Teller. „Supermarktware muss haltbar sein. Und gut aussehen. Alles Andere ist egal.“ Wer so denkt, kommt mit dem Seniorchef nicht ins Geschäft: Als er 1985 auf den Feldern des Familienhofes angefangen hat, Erdbeeren anzubauen, war die Idee der Direktvermarktung ein zartes Pflänzchen. „Diese kleinen Verkaufsstände gab es in der Region nicht“, sagt der Landwirt.

Begonnen hat der 58-Jährige mit einem halben Hektar – inzwischen sind es zehn. Damals tollten sich Schweine statt Stammkunden auf dem Anwesen und einen Hofladen mit Marmelade, Likör, Wein, Schinken und Spargel gab es auch noch nicht. Das Edelgemüse haben die Alfkens 1988 in ihr Sortiment aufgenommen – mittlerweile können Gourmets aus 14 Sorten wählen. Seit zwei Jahren bauen die Groß Köhrener auch Himbeeren an. Als nächstes soll das Geschäft mit Blaubeeren garniert werden.

Jetzt aber ist Erdbeersaison. Der Kuchen ist aufgegessen, mir blüht Arbeit. Bevor ich ins Feld ziehe, bekomme ich von Sonja Alfken eine Kurzeinweisung. Die Juniorchefin und Tochter des Landwirts ist mit Anbau, Vermarktung und den köstlichen Früchten aufgewachsen, hat Gartenbau studiert und wird den Hof demnächst übernehmen.


Ihre früheste Kindheitserinnerung: Die Selbstpflückfelder. Davon haben die Alfkens nur noch ein kleines. „Das macht heute kaum noch jemand. Höchstens als Event“, sagt die 27-Jährige – „beim Discounter gibt es das Pfund Erdbeeren schon für 99 Cent.“ Ihre Familie verkauft lieber selbst, als den Handel zum Dumpingpreis zu beliefern. Mühselig? Ja: Ich bekomme eine Kiste gedrückt in die Hand und eine Leiter unter die Füße geschoben. Zum Aufwärmen darf ich Himbeeren ernten – und gerate unter der Folie mächtig ins Schwitzen. „Die Früchte dürfen keinen Sonnenbrand und Regen abbekommen“, sagt die Fachfrau und dreht an einem der empfindlichen Früchtchen: „Mit viel Gefühl abziehen.“

Nur Bilderbuchexemplare darf ich mit der Spitze nach oben ins Schälchen sortieren. Heldenhaft ignoriere ich die Hummeln, mit deren Hilfe die Himbeeren bestäubt werden und kämpfe mich von der obersten Leitersprosse zu den prallsten Vitamin-C-Bomben vor: Sisyphus-Arbeit.

Glücklich, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, darf ich mich an den Erdbeeren versuchen: „Mit Stil. Sonst gibt es Druckstellen“, erinnert mich Sonja Alfken – nachdem ich ungeduldig ein paar Früchte abgerupft habe. „Am besten mit dem Daumennagel abknipsen.“ Der ist noch kürzer als mein Geduldsfaden muss ich feststellen, fülle aber fleißig meine Schälchen. „Gute Leute, die uns seit Jahren helfen, schaffen bis zu 15 Kilo die Stunde“, hat Rudolf Alfken meinen Ehrgeiz angestachelt. Von denen kommt ein Großteil aus Polen und kann mir keine Geheimtipps in meiner Landessprache verraten.

Immerhin: Am Ende meiner Schicht habe ich mehr geerntet, als ich tragen und essen kann – und „keinen Mist reingepflückt“, wie der Seniorchef sagt. Sowas landet nicht mal im Einmachglas oder auf der Torte. Die gibt es übrigens nicht täglich. Erdbeeren schon. Im Sommer. Den Winter über wird bei Alfkens verpflanzt, abgedeckt, verrechnet und Grünkohl gegessen. Bis die süßen Früchte wieder in aller Munde sind.