IM NORDWESTEN - Die Zeiten haben sich geändert: „Als ich anfing, musste ich 30 Bewerbungen schreiben“, erinnert sich Dr. Gyde Jungjohann, Medizinischer Vorstand am Evangelischen Krankenhaus (EV) in Oldenburg. „Heute kann ein Bewerber zwischen 30 Jobs wählen.“

Dennoch ist der Ärztemangel derzeit vor allem ein Problem für die kleineren Häuser in der Fläche. „Wir haben das Problem nicht“, berichtet Barbara Delvalle vom Klinikum Oldenburg. Oldenburg sei ein attraktiver Standort für junge Ärzte, „und wir können hier gute Weiterbildungsmöglichkeiten bieten, Kinderbetreuung, ein spannendes medizinisches Umfeld.“ Auch in den beiden anderen großen Oldenburger Häusern, Evangelisches Krankenhaus und Pius-Hospital, hatte man bislang keine Schwierigkeiten, alle Stellen zu besetzen.

Anders sieht es auf dem Land aus. Ulrich Pomberg, Geschäftsführer des Emder Klinikums, glaubt allerdings, „dass die Krankenhäuser nicht so gern offen über ihre Nöte sprechen“. Zu groß sei möglicherweise die Befürchtung, die Patienten könnten aus Angst um ihre bestmögliche Versorgung gleich in die Ballungszentren fahren.

Ganz offensiv geht indes das Heidekreis-Klinikum in Walsrode mit dem Ärztemangel um: Geschäftsführer Norbert Jurczyk hat eine Lockprämie ausgeschrieben. 4000 Euro bekommt nach Vertragsabschluss jeder neue Mediziner als Umzugs- oder Fahrtkostenpauschale. Dreimal konnte das Klinikum die Prämie bereits auszahlen. „Ich muss betriebswirtschaftlich denken“, verteidigt Jurczyk das Modell: „Wenn ich mich gegen die großen Häuser in den Ballungszentren behaupten will, muss ich mir etwas einfallen lassen.“

Mit großer Skepsis blickt man bei der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft auf den Walsroder Alleingang. „Damit verschiebt man das Problem nur von Ort zu Ort“, befürchtet Verbandsdirektor Helmut Fricke. Er appelliert an die Häuser, lieber in Weiterbildung und Familienbetreuung zu investieren. „Auch bei der Ausbildung müssen wir gucken“, sagt er: „Wir sollten fragen: Muss der Numerus Clausus für Medizinstudenten bei 1,0 liegen?“


Denn „mittelfristig“, so Gyde Jungjohann vom EV in Oldenburg, werde der Ärztemangel auch die großen Kliniken in den Städten treffen. „Das macht uns schon Sorgen für die Zukunft“, bestätigt auch Erich Thunhorst, Kaufmännischer Direktor im Oldenburger Pius-Hospital.