IM NORDWESTEN - Per Knopfdruck öffnet Wilfried Großkopf die Flügeltür. Sie geht mit einem Zischen langsam auf. Der 71-Jährige thront auf dem Fahrersitz des Bürgerbusses, gerade hat er das Gefährt am Bahnhof in Ganderkesee zum Halten gebracht. Eine junge Frau und ein junger Mann steigen ein, und Großkopf empfängt sie mit einem freundlichen „Moin“.
Beim Reingehen zeigen Michael Behrens und Jana Domanitzki ihre Busfahrkarten vor, abkassieren muss Busfahrer Großkopf deswegen nicht. Aber er schaut der 18-Jährigen und ihrem zwei Jahre jüngeren Schulkollegen im Spiegel nach, wie sie den kurzen Gang nach hinten laufen. Sie sehen ein wenig gestresst aus, die Fahrgäste – gerade erst sind sie aus einem Linienbus ausgestiegen, der sie von der Berufsschule Wildeshausen nach Ganderkesee gebracht hat. Weiter geht es für Michael und Jana mit dem Bürgerbus, die beiden wollen nach Hause, in verschiedene Ortsteile.
Michael lässt sich in der letzten Reihe auf einen der insgesamt acht Sitze des kleinen Busses fallen. „Wann sind wir in Bookholzberg?“, ruft er quer durch den Bus. „So in einer halben Stunde“, antwortet Busfahrer Großkopf. Die Bürgerbusse verkehren auf festen Linien nach festgelegten Fahrplänen. Wieder ein Knopfdruck an der Konsole neben dem großen Lenkrad, dann schließt sich die Tür. Jana und Michael haben es sich bequem gemacht, der Stress ist vorbei. Im Bürgerbus gibt es kein Gedrängel, kein Gerangel um Sitzplätze. Dafür gibt es Anschnallgurte. Im Bürgerbus ist alles ein bisschen anders als im Linienverkehr. Michael erinnert sich an den Nikolaustag. „Der Fahrer war als Nikolaus verkleidet und hatte für jeden eine kleine Tüte mit Schokolade dabei.“ Er finde es bemerkenswert, mit welchem Engagement die Busfahrer bei der Sache sind, sagt Michael.
Wilfried Großkopf steuert den Kleinbus durch Ganderkesee, auf den ersten Blick unterscheidet ihn kaum etwas von den anderen Busfahrern. Großkopf hebt die Hand zum Gruß, wenn ihm ein Linienbus entgegen kommt. Das machen sie so, die Busfahrer unter sich. Einen Unterschied gibt es aber: Der 71-Jährige steuert den Bus ehrenamtlich. Drei bis vier Mal im Monat ist er in der Gemeinde Ganderkesee unterwegs. Seit drei Jahren ist Großkopf ein Busfahrer, im Berufsleben war er Maurer. Nach seiner Pensionierung habe er Zeit gehabt, sich ehrenamtlich zu engagieren, aber es sollte auch Spaß machen. Früher ist Großkopf viel Lkw gefahren, und das Fahren liege ihm irgendwie im Blut, erklärt er.
Großkopf ist einer von 38 Fahrern im Bürgerbusverein Ganderkesee. Das hört sich nach viel an, ist es aber nicht, wenn man bedenkt, dass viele von ihnen nur einmal im Monat für einige Stunden das Lenkrad in die Hand nehmen. Der Bürgerbusverein sucht dringend weitere Fahrer. Das liegt auch daran, dass die Busse in der Gemeinde rege genutzt werden.
Ganderkesee ist nicht die einzige Kommune, die über einen Trägerverein einen Bürgerbusverkehr organisiert. In Wildeshausen (Landkreis Oldenburg) fährt seit Sommer vergangenen Jahres ein Bürgerbus – mit wachsendem Zuspruch.
Auch der Bürgerbus in Westerstede (Landkreis Ammerland), der seit Juni 2006 auf den Straßen unterwegs ist, darf als Erfolg gewertet werden. Erst im Dezember wurde der Fahrplan um fünf weitere Linien erweitert, ein zweites Fahrzeug wurde angeschafft.
Den einzigen Bürgerbus im Landkreis Wesermarsch gibt es in Butjadingen. Anders als andere Bürgerbusse fährt dieser an allen sieben Wochentagen. Auch hier ist die Rekrutierung ehrenamtlicher Fahrer das größte Problem des Bürgerbusvereins. In Sande (Landkreis Friesland) ist ein Bürgerbus in Planung.
Für Bürgerbus-Projekte gibt es allerdings keine Erfolgsgarantie. Der ursprüngliche Fahrplan des Busses in Cloppenburg beispielsweise musste im Laufe der Zeit reduziert werden, es gibt nur noch drei statt der anfangs sechs Haltestellen im Stadtgebiet. In Hude ist der Bürgerbus im Dezember das letzte Mal gefahren. Fahrgastmangel und Finanzierungsprobleme hatten den Bürgerbus-Verein zur Aufgabe gezwungen.
In Ganderkesee nutzen im Jahr rund 25 000 Fahrgäste den Bus. Einer von ihnen, der 16-Jährige Michael, steigt in Falkenburg aus. Er nimmt seinen Rucksack, verabschiedet sich und spaziert zur Tür raus. „Einen schönen Tag noch“, wünscht Busfahrer Wilfried Großkopf.
