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Unternehmen Mit dem Reisebus in die Zukunft

Karsten Krogmann

IM NORDWESTEN - Wer in die Zukunft reisen will, braucht dafür einen handelsüblichen Dieselmotor: „Bitte einsteigen“, sagt Herr Hoffmann, der Busfahrer; dann wirft er den Mercedes-Sechszylinder an, 410 PS, durchschnittlicher Spritverbrauch 23 Liter pro 100 Kilometer. Denn manchmal liegt die Zukunft 70 Kilometer weiter südwestlich, zum Beispiel im Emsland.

Wärme aus Abfall

Die Zukunft stinkt. „Das gehört dazu“, ruft Thomas Götze fröhlich, „eine Anlage ohne Geruch ist wie ein Mensch ohne Charakter!“ Götze, 43 Jahre alt, steht auf dem Hof der EWE-Biogasaufbereitungsanlage in Werlte, hinter seinem Rücken pusten sich biogasanlagentypisch die runden Gärrest-Behälter auf. 100 000 Tonnen Lebensmittelabfälle werden hier jährlich gehäckselt und zu Gas vergärt, „das riecht man“, sagt Götze.

Aber ein Stückchen weiter die Loruper Straße hinunter, da riecht man die Anlage nicht mehr, da spürt man sie nur noch: Die Anlage versorgt die 3000 Welter Haushalte mit Wärme. „Denn das hier“, berichtet Götze stolz, „ist die erste Anlage in Deutschland, die seit 2007 Biogas zu Erdgas aufbereitet und ins Erdgasnetz gestellt hat!“ Auf der ganzen Welt kenne man seither Werlte, sagt Götze, nun ja, zumindest in der ganzen Welt des Biogasanlagenbaus.

Herr Hoffmann wirft den Diesel wieder an.

Zurück in die Geschichte

12 Prozent beträgt derzeit der Anteil der Erneuerbaren Energien am Endenergieverbrauch, 20 Prozent sollen es bis zum Jahr 2020 sein. „Wir wollen zeigen, dass die Energiewende stattfindet“, begründet die Oldenburger EWE die „Energietour Nordwest“ im Reisebus: „Sie findet statt vor unserer Haustür, hier in der Region.“ Man sei stolz auf eigene „Pionierleistungen“, siehe das Beispiel Biogasaufbereitung, siehe das Beispiel Windparks.


Vorn im Bus sitzt jetzt Wilfried Hube, Offshore-Projektleiter bei der EWE, 46 Jahre alt. Er sagt ins Reiseführermikrofon: Sehr früh, nämlich 1988, sei das Unternehmen ins Windenergiegeschäft eingestiegen, „da kam die Windenergie gerade aus der Bastelecke heraus“. 1990 errichtete EWE in Ostfriesland den größten Windpark Europas, 2009 folgte der erste Offshore-Windpark Deutschlands, „Alpha Ventus“. 2013 soll dann ein zweiter Nordsee-Park ans Netz gehen, „Riffgat“.

Erfunden hat EWE die Erneuerbaren Energien natürlich nicht, Herr Hoffmann stoppt den Bus vor dem Hunte-Wasserkraftwerk am Oldenburger Achterdiek, gebaut 1925 bis 1927.

An der Längswand werben blasse Reklameposter für Gasfernzünder von Multiplex und Gasbadeöfen von Vaillant, an der Querwand zucken die analogen Zeiger der alten Schalttafel. Davor steht Lars Hustede und erklärt, warum die dicken Bergmann-Turbinen schweigen: „Zu wenig Wasser, vor zehn Minuten haben sich die Maschinen abgestellt.“ Aber wenn sie laufen, erzeugen sie weiterhin Strom, sagt der 38-jährige Schlosser: zwei Millionen Kilowattstunden pro Jahr, „das reicht für rund 600 Haushalte“. Die EWE hat das Kraftwerk 2010 übernommen, vor allem als Denkmal – „aber“, sagt Hustede, „es arbeitet immer noch einigermaßen wirtschaftlich“.

Unter der Erde

Besser funktioniert Wasserkraft natürlich im Süden; dort lassen sich höhere Leistungen erzielen, im Norden ist die Fallhöhe des Wassers oft sehr gering. In Oldenburg beträgt sie maximal 6,20 Meter.

In Bremen sind es an guten Tagen 6,30 Meter. Herr Hoffmann hat den Reisebus am Weserwehr geparkt, hier baut die EWE-Tochter SWB das Weserkraftwerk. Bagger schaufeln Sand, Lastwagen fahren Sand ab, und oben auf dem Sand steht Christoph Kolpatzik, er trägt einen Bauhelm. Kolpatzik, 41 Jahre alt, ist Geschäftsführer der Weserkraftwerk GmbH, er schlägt vor: „Gehen wir nach unten.“

Oben ist ja noch Baustelle, aber unter der Erde produziert das Kraftwerk längst Strom: 42 Millionen Kilowattstunden sollen es pro Jahr werden, genug für 17 000 Bremer Haushalte.

Strom für Fußball-Fans

So ein Wasserkraftwerk, sagt Kolpatzik, ist im Norden „nicht eines der lukrativsten Projekte“. Aber: Man rechne langfristig, nämlich mindestens 60 Jahre in die Zukunft, Wasserkraftwerke sind sehr haltbar, siehe das Beispiel Oldenburg. Und sie haben einen großen Vorteil: „Sie fügen sich in die Landschaft ein, anders als Windräder oder Biogasanlagen.“ Kolpatzik lächelt: „Wenn wir fertig sind mit den Bauarbeiten, sieht das hier genauso aus wie vorher.“

Aber manchmal soll Erneuerbare Energie gar nicht unsichtbar sein. Herr Hoffmann steuert den Bus den Osterdeich hinunter, er fährt zum Weserstadion. Die EWE hat Dach, Ost- und Südfassade mit Solarzellen verkleidet, insgesamt 16 000 Quadratmeter Fläche. Sie schmücken das Stadion, sie schützen vor Wind und Regen – und sie erzeugen eine Millionen Kilowattstunden Strom jährlich, 300 Haushalte können so versorgt werden.

Im Haus der Zukunft

Thomas Götze ist wieder da, er steht in der EWE-Lounge. Er kennt sich nicht nur mit Biogas aus, sondern auch mit Werder Bremen, und jetzt fragt er: „Was passt besser zu Werder Bremen als grün?“ Nichts, antwortet er selbst, und deshalb können Werderfans nun grünen Werderstrom kaufen.

Doch die Sonne scheint leider nicht jeden Tag, Wind bläst nicht regelmäßig, Wasser steigt und sinkt.

Herr Hoffmann fährt den Bus nach Emstek im Landkreis Cloppenburg, dort steht in der Europa-Allee ein würfelförmiges Haus: das „ZentrumZukunft“ der EWE. Im Innern läuft ein Werbefilm, Familie Morgen erzählt darin von ihrem Leben im Haus der Zukunft. Im dem Würfelhaus kann man anschließend die Küche der Morgens besichtigen, ihren Keller und ihren Hauswirtschaftsraum, und man sieht dort große Bildschirme: Sie zeigen, zu welcher Zeit die grüne Energie zur Verfügung steht, und sie haben Tastfelder, mit denen man Waschmaschine, Trockner oder Kaffeeautomat entsprechend programmieren kann.

Das „ZentrumZukunft“ soll sagen: Wir brauchen intelligente Systeme, um die Energie der Zukunft sinnvoll nutzen zu können.

Offene Fragen

Es braucht noch viel mehr, sagt im Reisebus Ralf Kuper, der 39-jährige Netzplaner der EWE: zum Beispiel Antworten auf die Frage, wie man die Windenergie am besten von Nord nach Süd transportieren kann. Wie man Energie am günstigsten zwischenspeichern kann. „Und was es wirklich kostet, die Klimaziele zu erreichen“, so Kuper.

Nach neun Stunden stoppt Herr Hoffmann seinen Diesel vor dem EWE-Sitz an der Oldenburger Tirpitzstraße, knapp 200 Kilometer hat er zurückgelegt. Die Reiseteilnehmer steigen aus, sie haben gehört, was ihnen die EWE mit der „Energietour“ sagen wollte: Der Weg in die Zukunft ist kein kurzer – aber wir sind unterwegs.

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