Wüsting - „Für deutsche Geflügelhalter gilt: 39 Kilogramm Lebendgewicht pro Quadratmeter Nutzfläche“, sagt Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst vom Wissenschafts- und Informationszentrum für Nachhaltige Geflügelwirtschaft (WING). Diese Formel ist die Richtlinie für die maximale Besatzdichte im Maststall. Wenn ein Normalverbraucher die Umsetzung dieser Richtlinie buchstäblich vor Augen hat, werden daraus schnell 34 000 Hähnchen, die kurz vor der Schlachtung stehen, in einem 18 Meter breiten und 94 Meter langen Stall. Diese Dimension hat der Hähnchenstall beim Hof Paradies in Wüsting.

Landwirt Gerd-Jürgen Paradies gewährte am Sonntagnachmittag Besuchern Einblick in die Geflügelhaltung. Um in den Stall zu gelangen, mussten die Interessierten vorab Fragebögen ausfüllen und vorschriftsgemäß Schutzkleidung anlegen. Danach wurden sie unter fachlicher Leitung geführt und sahen die 33 Tage alten Hähnchen dicht an dicht.

Bei der anschließenden Gesprächsrunde erklärte Gerd-Jürgen Paradies den Besuchern die Hintergründe dieser Haltung. Die Hähnchen stehen mittlerweile eng aneinander, da sie kurz vor der Abholung durch die Firma Wiesenhof stünden. Der 45-Jährige versuchte, Skeptiker zu beruhigen: „Wir erkennen an grauen Stellen an den Tieren, dass sie sich bewegen und durch den Stall laufen.“ Er informierte über das automatische Füllen der Tränken und Futterstellen, die Lüftungsanlage mit zusätzlicher Kühlungsfunktion, die Fußbodenheizung und die Kontrollen durch Wiesenhof.

Andere Interessierte fragten gezielt nach der medikamentösen Behandlung der Hähnchen. Tierarzt Dr. Walter Stertenbrink versicherte, dass die Tiere nur mit Medikamenten behandelt werden, wenn es notwendig ist. Präventiv werden die Hähnchen lediglich geimpft, aber das habe nichts mit Antibiotika-Gabe zu tun, so der Tierarzt.

Nach der Stallführung standen Mitarbeiter des Wissenschafts- und Informationszentrums für Nachhaltige Geflügelwirtschaft (WING) Rede und Antwort. Der wissenschaftliche Leiter Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst informierte über das Projekt „Transparenz in der Geflügelwirtschaft“, in dessen Rahmen Familie Paradies ihren Stall öffnete. Dieses Projekt will negativen Medienberichten entgegenwirken und Menschen über Mastbetriebe aufklären. Insgesamt 70 Geflügelhalter gewähren Einblicke in ihre Betriebe, erklärte der WING-Mitarbeiter.


Das Projekt entstand im August 2012 und ist bundesweit einmalig. Nur in Niedersachsen haben Interessierte die Chance, Hähnchenställe zu besichtigen. „Schwarze Schafe wird es in der Branche immer geben“, sagte der wissenschaftliche Leiter. Oft stürzten sich die Medien nur auf Bilder aus solchen Betrieben, aber diese Zustände dürfe man nicht verallgemeinern, fügte er hinzu.

Gerd-Jürgen und Anja Paradies standen der Idee zunächst skeptisch gegenüber, denn Besucher könnten zum Krankheitsrisiko für die Tiere werden, so ihre Sorge. Dank ausreichender Schutzmaßnahmen sei jedoch nichts passiert, und sie „würden es immer wieder machen“, so die Stallbesitzer. Von der Resonanz mit etwa 80 Besuchern war das Ehepaar positiv überrascht.

Eine Besucherbefragung durch WING-Mitarbeiter hat ergeben, dass über 70 Prozent der Teilnehmer nach dem Gang in den Stall ein positives Bild von der Geflügelwirtschaft haben.

Anna-Lena Sachs
Anna-Lena Sachs Online-Redaktion (stv. Ltg.)