Ritterhude/Hannover - Martin Bäumer versteht’s nicht. „Am 20. März habe ich der Landesregierung 77 Fragen zum Explosionsunglück vom 9. September 2014 in einer Chemie-Fabrik in Ritterhude gestellt. Bis heute liegt nicht eine einzige Antwort vor“, klagt der CDU-Umweltexperte im Gespräch mit dieser Zeitung. 18 Wochen sind seit Einreichen der Liste vergangen.

Doch längst tauchen weitere Fragen zur Ursache der Katastrophe und deren Folgen auf, vor allem zu personellen Verquickungen zwischen dem Landkreis Osterholz, der Unglücksfirma Organo Fluid, dem Hauptlieferanten von Abfall-Lacken und dem Entsorgungsunternehmen. Und: Wurden krebserregende Stoffe bei dem vernichtenden Feuer, der den gesamten Betrieb zerstörte, freigesetzt? Oder lagerten krebserregende Stoffe in den Tanks?

Erste Ergebnisse von Untersuchungen auf dem abgerissenen Betriebsgelände „zeigen eine Belastung des Untergrundes durch Lösemittel, das heißt aromatische Kohlenwasserstoffe“, bestätigte Umwelt-Staatssekretärin Almut Kottwitz erst kürzlich. Einige Kohlenwasserstoffe gelten als hochtoxisch, eben weil krebserregend. „Nach Aussagen der Feuerwehr wurden bei dem Brand keine besorgniserregenden Werte festgestellt, die gesundheitlich bedenklich waren“, lautet eine weitere offizielle Auskunft. Interessant: In einem französischen Bericht wurde an das Seveso-Unglück 1976 erinnert. Dabei wurde hochgiftiges Dioxin freigesetzt.

Nicht nur die Antworten der Landesregierung lassen auf sich warten, sondern auch die Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft Verden. So ist bis heute ungeklärt, ob rechtswidrige, gefährliche Stoffe in der Ritterhuder Kiepelbergstraße lagerten. Sind Brandschauen des Landkreises auch wirklich ordnungsgemäß abgelaufen? Oder gab es womöglich personelle Interessenskollisionen zwischen Brandschauexperten des Landkreises, der damals vom jetzigen Leiter der Staatskanzlei, Jörg Mielke (SPD), geleitet wurde, und dem Hauptlieferanten von Lacken, die in Ritterhude beseitigt wurden, dem Daimler-Konzern in Bremen? Experten streiten darüber, ob der Fünf-Jahres-Zyklus für die Kontrolle von Organo Fluid wirklich ausreichend war. „Hat der Landkreis Osterholz die möglicherweise rechtswidrige Lagerung von gefährlichen Stoffen geduldet?“, will der CDU-Umweltexperte Bäumer wissen.

Von Interesse ist auch die Rolle der Entsorgungsfirma Nehlsen, die die Lacke von Daimler in Bremen nach Ritterhude zu Organo Fluid transportierte. Nehlsen ist sehr stark im Landkreis Osterholz engagiert. Mielke nahm am 90-jährigen Firmenjubiläum von Nehlsen im Dezember 2013 als Ehrengast teil.


Das Problem der Landesregierung: Je länger Antworten ausbleiben, desto wilder wuchern Spekulationen.