Wildeshausen - Sein erstes kleines Boot, das ihm die Eltern geschenkt hatten, hat Michael Witten an einer Schnur über die Lesum gezogen. Seit seinem zwölften Lebensjahr ist er begeisterter Segler. Nur logisch also, dass das erste Gehalt des Wirtschaftsprüfers und Steuerberaters, der seit langem in Wildeshausen lebt, für die erste kleine Jolle draufging. Doch dabei sollte es nicht bleiben: Mit einer Hochsee-Yacht ging es 2006 auf eine 3800 Seemeilen lange Reise von Uruguay nach Kapstadt quer über den Atlantik.
Jahre zuvor hatte Witten bereits den Atlantik von Gran Canaria nach Belem im Amazonasgebiet überquert. „Was jetzt noch fehlte, war die asiatische Route“, erzählt er.
Hinzu kam dieser Filmbericht über das damals in Dienst gestellte größte Containerschiff der Welt, die „Emma Maersk“, die auch die Asienroute fährt. Bei seinen Recherchen erfuhr Witten jedoch, dass die Reederei keine Passagiere an Bord gewerblicher Schiffe mitnimmt.
Doch der 66-Jährige ließ nicht locker. „Als ich beruflich kürzer getreten bin, habe ich das Thema ,Mitfahrgelegenheiten auf Containerschiffen’ nochmals aufgegriffen“, erinnert er sich. Als im Herbst 2014 feststand, dass auf den Schiffen der CMA-CGM-Reederei Passagiere mitreisen dürfen, wurden die Planungen – von Ehefrau Petra inzwischen abgesegnet – konkreter.
Die Reiseanmeldung erfolgte nach einigem Hin und Her über die „Hamburg Süd Reiseagentur Lufthansa City Center“. Endlich stand sie fest: die rund 20 000 km lange Schiffstour vom 16. Juli bis 20. September 2015: 60 Tage à 130 Euro in einer 33 qm großen Kabine mit Vollverpflegung. Von Hamburg geht es über Rotterdam, Zeebrügge und Le Havre nach Malta und Khor Al Fakkan in den Arabischen Emiraten. Ziel ist Yantian.
Hier wird Witten jedoch nicht aussteigen, sondern noch ein Stück der Rücktour über Busan in Korea und Shanghai bis zum malaysischen Port Kelang mitfahren. Nahe der Hauptstadt Kuala Lumpur ist das Hotel für drei Tage bereits gebucht, bevor es per Flugzeug zurück geht.
Im Vorfeld der Reise galt es, so manche Vorkehrungen zu treffen: Witten musste eine Entschädigungserklärung unterzeichnen, eine Versicherungserklärung mit ärztlichem Attest sowie einen Reisepass mit mindestens sechsmonatiger Gültigkeit und ein Touristenvisum für China vorlegen. Weitere Bedingungen waren eine Gelbfieberimpfung und die schriftliche Kenntnisnahme, dass kein Arzt an Bord ist. „Aber das kenne ich ja von den Atlantiküberquerungen“, sagt er.
An Bord wird Witten in einer klimatisierten Kabine mit Doppelbett und Seitenfenstern untergebracht sein. 4000 Musikstücke von Klassik bis ACDC hat der Wildeshauser auf seinem Smartphone vorsorglich dabei. Hinzu kommen etliche Sachbücher und Romane auf dem E-Book-Reader. Und natürlich die ganz neuen Seekarten.
Seine Entscheidung für ein Containerschiff bereut er trotz gewisser Einschränkungen und wenig Möglichkeiten, Land und Leute kennenzulernen, nicht. „Für mich liegt der Vorteil gegenüber Kreuzfahrtschiffen darin, dass man wie ein Teil der Besatzung aufgenommen wird und tatsächlich uneingeschränkten Zugang zu allen Teilen des Schiffes hat“, sagt der Wildeshauser. Im übrigen werde er den Aufenthalt fokussieren auf die Technik des Schiffes, die Logistik des Containerverkehrs, die Navigation und die Wetterkunde.
Den erfahrenen Hochseesegler interessiert besonders der seemännische Umgang mit einem Schiff solcher Größenordnung bei Hafenmanövern und auf See. Spannend werde es angesichts von Geschwindigkeiten von bis zu 24 Knoten (mehr als 44 km/h) auch bei Starkwind und großen Wellen. Angst hat er davor nicht, weiß er doch von seinen vergangenen Touren „in einer Nussschale über den Atlantik“, „dass jeder Sturm einmal vorbei ist.“
Besonders gespannt ist der Wildeshauser schon auf die Passage durch den Suezkanal, wo auf einer Strecke von 170 Kilometern Riesenschiffe im Konvoi durch die Wüste in Richtung Indischer Ozean fahren. Angst vor Terroranschlägen hat er angesichts der strengen Überwachung durch das ägyptische Militär nicht. Aufregend werde sicherlich auch die anschließende Passage durch das Rote Meer und die Fahrt durch die Straße von Malakka, wo wegen Pirateriegefahr nur abgedunkelt gefahren wird und die Sendefunktion des Automatic Identification Systems deaktiviert wird.
„Doch vor der Straße von Malakka kommt die lange Seestrecke von Khor Al Fakkan quer durch den Indischen Ozean bis Yantian“, blickt Witten voraus. 13 Tage lang auf hoher See, durch nichts abgelenkt sein, in sich reinhorchen und das Glitzern des Meeres aus gigantischer Höhe betrachten. Das ist dann vielleicht der Zeitpunkt, an dem er – bei einer der guten Zigarren, die er eingepackt hat – den faszinierenden Gigantismus der modernen Frachtschifffahrt hinterfragt und seinen eigenen „maritimen Jakobsweg“ findet.
