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INSOLVENZ „Wir stecken jetzt in einem tiefen Loch“

URSULA GROSSE BOCKHORN

Wilhelmshhaven

„Das ist eine bodenlose Frechheit!“ Die Mitarbeiter, die sich am Sonnabendmittag im Werk der Neue Torde-Möbel an der Henschelstraße treffen, sind stocksauer. Der Schock von Donnerstagabend, als sie unvermittelt vom Insolvenzantrag erfuhren, weicht der Wut.

Bis dahin hatten sie immer noch gehofft, dass es irgendwie weitergehen würde, auch wenn Geschäftsführer Robert Vietor den an diesem Tag anstehenden Termin vor der Einigungsstelle in Bremen ohne Angabe von Gründen hatte platzen lassen.

Erst als sich um 21 Uhr der vom Amtsgericht bestellte vorläufige Insolvenzverwalter bei der Mahnwache vor dem Werkstor vorstellte, war klar: Jetzt kommt das Aus. Seither gibt es nicht nur zur Wachablösung ein Kommen und Gehen. Ständig finden sich Kollegen ein, um nach Neuigkeiten zu fragen. Vor allem: Keiner will untätig zu Hause vor dem Fernseher sitzen. „Hier kann man wenigstens mit den anderen reden.“

Bis zum Donnerstag soll die Mahnwache auf jeden Fall aufrechterhalten bleiben. Aus psychologischen Gründen, aber auch um zu verhindern, dass Betriebsvermögen aus den Hallen herausgeholt wird. Ab Donnerstag ist dann der Insolvenzverwalter für die Bewachung zuständig. Am Donnerstag könnte auch im Rahmen der Insolvenz wieder gearbeitet werden: Restarbeiten abwickeln. Dafür wird aber nur noch ein Teil der Belegschaft gebraucht. Mehr Geld als die, die zu Hause bleiben, können sie nicht erwarten.

IG-Metall-Sekretärin Evelyn Gerdes versucht die Kollegen zu motivieren. „Ihr arbeitet jetzt nicht mehr für Vietor. Ihr arbeitet jetzt für euch selbst, für ein Treuhandkonto, von dem auch ein Sozialplan finanziert werden könnte.“ Wenn das verbliebene Betriebsvermögen versteigert wird, sind für fertige Möbel höhere Erlöse zu erzielen als für das unverarbeitete Material.

„Wir stecken jetzt in einem tiefen Loch“, beschreiben Mitarbeiter ihre Situation. Nicht nur das Ziel ihres Kampfes hat sich schlagartig verändert. „In den letzten Jahren haben wir gearbeitet wie nie zuvor“, erzählen sie. Im Akkord, zwölf Stunden am Tag, sieben, acht Wochen am Stück, nur am Sonntag frei – das ging auf die Knochen.


Und dann im Oktober die Ankündigung: Das Werk in Wilhelmshaven wird geschlossen. „Der hätte die Schließung knallhart durchziehen können“, erläutert Evelyn Gerdes. Sie glaubt Firmenchef Vietor, dass er ernsthaft verhandeln wollte.

Für das überfallartige Vorgehen in den vergangenen Tagen findet sie jedoch keine Erklärung.

Immerhin hatten die Verhandlungen ihr Gutes: Die Kündigungen kommen nun zwei Monate später. „Bis Ostern geht‘s. Aber was wird dann?“

Die bange Frage stellt sich nicht nur der polnische Mitarbeiter, der nicht weiß, wovon er danach die Miete zahlen soll.

Auf das eigene Häuschen, für das sich viele seiner ebenfalls aus Osteuropa stammenden Kollegen verschuldet haben, hat er verzichtet. Aber die Söhne gehen zum Gymnasium. Das kostet mehr Geld, als seine Frau im Altenheim verdient. Andere durchleben nicht zum erstenmal ein Insolvenzverfahren des Arbeitgebers. „Ich war bei KSW. Ich habe das alles schon mal mitgemacht.“

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