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Von Dieter W. Heumann
Frage:
Herr Professor Zimmermann, die Zahl der Arbeitslosen hat seit Monaten deutlich abgenommen. Ist das die Wende am Arbeitsmarkt ?
Zimmermann:
Ich sehe eine Ermutigung am Arbeitsmarkt. Von einer Trendwende möchte ich aber noch nicht sprechen, denn die Arbeitslosenzahlen sind noch mit erheblichen Messproblemen belastet. Wir vergleichen mit der Vorjahresentwicklung, und damals hatten wir noch im Bereich der Langzeitarbeitslosen große Probleme mit der Erfassung. Die Statistik ist also generell noch relativ verschmutzt. Ich möchte die Entwicklung noch einige Monate beobachten, bevor ich von Trendwende spreche
Frage:
Laut den Statistiken entstehen jetzt täglich mehr als 1000 neue sozialversicherungspflichtige Jobs. Wie stabil ist diese Entwicklung ?
Zimmermann:
Sie ist durchaus stabil. Der konjunkturelle Aufschwung, auch der Beitrag der Binnenwirtschaft, steht auf relativ festem Boden. Die Zeit, da sich die Arbeitgeber mit Einstellungen zurückhielten und eher flexible Instrumente nutzten, ist vorbei; es werden vermehrt normale Arbeitsverhältnisse angestrebt – also mit sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Das ist keine Eintagsfliege.
Frage:
Was ist mit den Langzeitarbeitslosen? Lässt sich dieses Problem mit Kombilohn oder einem Dritten Arbeitsmarkt lösen ?
Zimmermann:
Ich glaube, dass das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit mit den bisher diskutierten Modellen nur schwer in den Griff zu bekommen ist. Die meisten Langzeitarbeitslosen sind für eine reguläre Beschäftigung verloren. Es muss verhindert werden, dass Menschen, die dauerhaft arbeitslos zu werden drohen, erst dann betreut werden, wenn sie bereits ein Jahr arbeitslos sind, so wie es derzeit geschieht. Die Arbeitsagentur kümmert sich um jene, die Chancen haben, rasch wieder in den Arbeitsprozess eingegliedert zu werden – und zahlt für die anderen, anstatt sie besonders zu betreuen. Kombilöhne oder Dritter Arbeitsmarkt bedeuten Aktionismus. Es muss eine Umkehr in der Politik stattfinden.
Frage:
Das beste Rezept gegen Arbeitslosigkeit scheint noch immer kräftiges Wirtschaftswachstum zu sein. . .
Zimmermann:
Als Ausgangspunkt, ja. Zwei Prozent ist aber auch Mindestmaß, um den Arbeitsmarkt bewegen zu können. Wir sehen aber auch, dass Wachstum allein nicht reicht. Wachstum generiert zunehmend Nachfrage nach qualifizierten Arbeitnehmern. Die aber stehen immer weniger ausreichend zur Verfügung.
Frage:
Was ist zu tun ?
Zimmermann:
Das Problem, qualifizierte Kräfte zu finden, beginnt bereits bei den Lehrstellen, die vielfach wegen fehlender Voraussetzungen nicht besetzt werden können. Wir müssen mehr zu lebenslangem Lernen kommen. Wissen schlägt sich heute sehr schnell um. Die Leute kommen in der Regel mit einer guten Eingangsausbildung in die Berufe, müssen sich dann aber keiner ständigen Zwischenqualifizierung mehr stellen. Die Tarifvertragsparteien könnten Weiterqualifizierungen stärker in die Abschlüsse einbinden. Impulse könnten durch Angebote von Schulen und Hochschulen ausgehen. Gefordert bleibt aber in erster Linie der Arbeitnehmer.
Frage:
Sind weitere Arbeitsmarktreformen nötig?
Zimmermann:
Ja, vor allem bei den Lohnnebenkosten. Die Lohnkosten sind – international betrachtet – inzwischen viel günstiger geworden. Aber bei den Lohnnebenkosten ist bisher nichts passiert. Die Regierungsbeschlüsse sind ambivalent: Einerseits haben wir Verteuerungen bei der Rente und wohl auch bei den Krankenversicherungen, andererseits die Ankündigung einer Senkung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung. Die Bundesagentur für Arbeit hat gespart. Werden diese Mittel statt zur Sanierung des Haushalts zur Senkung der Lohnnebenkosten verwandt und werden die zusätzlichen Erträge der Mehrwertsteueranhebung zum Teil zur Senkung der Lohnnebenkosten verwendet, dann gehe ich davon aus, dass die Erholung am Arbeitsmarkt über 2006 hinaus anhält – auch wenn die Konjunktur etwas schwächer wird.