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INTERVIEW Bisher zu viele Fehlprognosen

Von Dieter W. Heumann

Frage:

Herr Dr. Erhardt, die Aktienkurse haben seit ihrem Tief – am 9. März 2009 – bis Ende Mai kräftig zugelegt, trotz der jüngsten Rückgänge. Was steckte dahinter?

ERHARDT:

Auslöser für die Kursrallye war die Ankündigung amerikanischer Banken, wieder besser zu verdienen. Das Ausmaß der spektakulären Kurssteigerungen muss vor allem vor dem Hintergrund der vorangegangenen, überaus heftigen Rückschläge gesehen werden. Das gilt für die Börsen der Schwellenländer ebenso wie für die der Industrieländer. Außerdem wurden die Börsen weltweit von guter bis sehr guter Markttechnik sowie ausgezeichneten Liquiditätsbedingungen getrieben.

Frage:

Aber es fehlt doch bisher noch an einem starken wirtschaftlichen Fundament, oder?

Erhardt

: Genau, und deshalb ist dies eine Rallye auf Zeit geblieben. In den Industrieländern ist noch kein konjunktureller Aufschwung in Sicht. Daher warne ich davor, aufgrund vereinzelter positiver Wirtschaftsdaten, wie wir sie bisweilen aus den USA vernehmen, schon die Wende zu sehen. Der gesamtwirtschaftliche Datenkranz insgesamt ist auch in den USA noch weit davon entfernt, Zuversicht zu signalisieren. Wir erinnern uns noch zu gut an die Fehlprognosen vor der jetzigen Rezession: Zunächst sah man vom US-Immobilienmarkt keinerlei Schwierigkeiten für die dortige Konjunktur – geschweige denn für die Finanzmärkte. Dann diagnostizierten Politiker aber auch Ökonomen, die Finanzkrise werde keinesfalls auf die Realwirtschaft übergreifen. Folglich wurde eine Rezession lange Zeit ausgeschlossen. Es bedarf schon überzeugender Indikatoren, um jetzt den konjunkturellen Frühling zu sehen.

Frage:

Und die wären?

Erhardt:

Wichtig ist neben der Verbesserung der Gewinnerwartungen der Unternehmen vor allem die Kreditentwicklung. Sie tendiert in Deutschland derzeit leicht rückläufig. Dafür ist übrigens nicht in erster Linie eine restriktivere Kreditvergabepolitik der Banken die Ursache. Vielmehr haben wir es mit einer zurückhaltenderen Kreditnachfrage der Unternehmen zu tun. Angesichts des kräftigen Nachfragerückgangs nach Gütern, der die meisten Branchen getroffen hat, ist die Kapazitätsauslastung deutlich zurückgegangen. Es wird weniger investiert und folglich weniger Geld benötigt. Erst wenn die Nachfrage wieder anspringt und sich die Gewinnaussichten der Unternehmen verbessern, zieht auch die Kreditnachfrage wieder an. Das ist ein relativ verlässliches Signal für eine konjunkturelle Belebung.

Frage:

Macht denn der private Konsum, der etwa 60 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt ausmacht, Hoffnung?

Erhardt:

Ja, aber er hält sich auf einem seit Jahren niedrigen Niveau. Es sind keine nennenswerten Steigerungsraten zu erwarten, so dass der private Konsum nicht in der Lage ist, den kräftigen Rückgang der Exporte und der Investitionen zu kompensieren. Frage:

Wie schätzen Sie die Lage an den Börsen mittelfristig ein ?

Erhardt:

Wir werden in den nächsten Wochen und Monaten noch weitere Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft vernehmen. Die Auftragsbestände der Unternehmen werden gegenwärtig immer kleiner. Die Auftragsreserven sind weitgehend abgearbeitet und neue Aufträge sind rar. Das bedeutet, dass auf die Banken, die bisher unter den instabilen Finanzmärkten gelitten haben, in Zukunft aufgrund von Schwierigkeiten in der Realwirtschaft zur Kasse gebeten werden: Die Zahl notleidender Kredite wird sich vergrößern. Auf die Banken dürften damit noch erhebliche Abschreibungen zukommen. Das wird die Börsen eher weiter verunsichern.

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