Alle Beteiligen müssen sich auf eine Systemveränderung einlassen. Das sagt Gerhard Haase, CVJM-Fachbereichsleiter der Kinder- und Jugendarbeit im NWZ -Interview.
Von Hans-Carl BokelmannFrage:
Herr Haase, die Stadt Elsfleth möchte die Jugendarbeit intensivieren. 52 000 Euro sollten dafür im Haushalt bereitgestellt werden. Welches Konzept werden Sie heute Abend im Jugendausschuss der Stadt präsentieren?Haase:
Grundlegende Zielsetzung für eine offene Jugendarbeit in der Stadt Elsfleth ist die Etablierung eines sozialräumlich orientierten und ortsnahen Netzwerkes für Kinder und Jugendliche, um eine größtmögliche schulische, soziale und berufliche Integration zu erreichen. Folgende Angebote sind zunächst Bestandteile der Offenen Jugendarbeit. Der Jugendtreff als niederschwellige Begegnungsstätte für Kinder und Jugendliche mit einer Angebotspalette interessensgebundener Aktivitäten. Eine Lese- und Rechenwerkstatt. Hochrechnungen zufolge lässt sich die deutsche Elternschaft den Extraunterricht für ihre Kinder rund zwei Milliarden Euro jährlich kosten. Eine 3. Säule einer Jugendstation könnte eine „Soziale Gruppenarbeit“, eine mögliche Hilfe zur Erziehung, sein.Frage:
Welche Jugendlichen sollen mit den genannten Angeboten erreicht werden?Haase:
Grundsätzlich alle Kinder und Jugendliche im Alter von zehn bis 18 Jahren. Je nach Frequentierung sind Angebote natürlich altersgerecht anzubieten und zu gestalten.Offene Kommunikation
Im besonderen Focus stehen jedoch die Kinder(!) und Jugendlichen, die in Ihrer sozialen und emotionalen Entwicklung besonderen Risiken ausgesetzt sind oder in besonderer Form auffällig werden. Daher ist auch eine aufsuchende Arbeitsweise und eine offene Kommunikation mit andren Akteuren vor dem Hintergrund von Früherkennung besonders wichtig.Frage:
Experten sagen, dass sich jeder Euro, der in Jugendarbeit investiert wird, doppelt und dreifach auszahlt. Können Sie diesen Ansatz in einem konkreten Beispiel erläutern?Haase:
Der Folgekosten einsparende Effekt von Prävention ist unbestritten, zum Beispiel ja auch im Gesundheitswesen. Man muss natürlich auch bereit sein, Prävention als mittelfristigen Prozess zu begreifen. Aber angesichts finanziell knapper Ressourcen öffentlicher Haushalte und des Denkens von einem Finanzjahr zum nächsten ist es schwierig, den zahlenmäßigen Nachweis zu erbringen. Ich wende mich entschieden gegen diese „Art zu denken“ und plädiere für mehr Prävention. Ich akzeptiere, dass esMehr Prävention
in erster Linie nicht darum geht, immer neue Hilfebedarfe zu erfassen und zusätzliche Mittel einzufordern, sondern um eine Prioritätensetzung einschließlich einer auf allen Ebenen einsetzenden Diskussion über Ressourcennutzung und Ressourcenverschiebungen, auch bei Leistungserbringern. Ich vereinfache jetzt sehr stark und überspitzt, um nachdenklich zu stimmen. Ein Jugendlicher in stationärer Unterbringung kostet rund 45 000 Euro pro Jahr. Bei 100 jungen Menschen wären es 4,5 Millionen Euro. Die Verhinderung einer einzigen stationären Unterbringung bedeutet bei Kostenneutralität ein Jahr lang zehn gefährdete Kinder nachmittags in einer Gruppe sozial und emotional aufzufangen (Soziale Gruppenarbeit).Frühwarnsystem
Oder die Stationärunterbringung im Schnitt um einen Monat zu reduzieren schafft Mittel, um alle Kommunen mit solch einem Frühwarnsystem der Sozialen Gruppenarbeit auszustatten beziehungsweise andere Präventivmaßnahmen einzuleiten. Nur es müssen sich alle Beteiligten auf eine grundsätzliche und Neuorientierung und Systemveränderung einlassen.
