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INTERVIEW DIHK-H Jetzt darf nicht gebremst werden

Von Dieter W. Heumann

Frage:

Herr Dr. Wansleben, Kreditklemme – ja oder nein?

Wansleben:

Es gibt derzeit in Deutschland keine flächendeckende Kreditklemme – aber zahlreiche Unternehmen, die Probleme haben, von den Banken Kredite zu bekommen. Tendenz steigend. Der Hauptgrund: Unternehmen befinden sich in einer schwierigen Situation, die Zahlungseingänge der Kunden lassen oft auf sich warten, während die Kosten weiterlaufen. Und immer mehr Unternehmen haben Schwierigkeiten, Aufträge vorzufinanzieren. Das bereitet uns große Sorge mit Blick auf die erkennbare wirtschaftliche Erholung. Denn wenn es nicht gelingt, diese Liquiditätslücke mit Bankkrediten zu überbrücken, ist der dringend ersehnte wirtschaftliche Aufschwung in Gefahr.

Frage:

Ist es angesichts der revidierten Bonitäten nicht geradezu notwendig, dass Banken strengere Maßstäbe anlegen?

Wansleben:

Selbstverständlich hat sich die Bonität bei vielen Unternehmen verschlechtert. Die Folge: Banken fordern höhere Kreditsicherheiten. Aber auch an den Sicherheiten ist die Krise nicht spur

los vorbeigegangen. Die Werte von Maschinen, Gebäuden oder sonstigen Anlagen sind konjunkturabhängig. Sie haben in der Krise deshalb an Wert verloren. Es gibt also eine Art Scherenentwicklung: Einerseits fordern die Banken höhere Sicherheiten, andererseits sind diese krisenbedingt geschmolzen.

Frage:

Solche Probleme gab es auch in früheren Flauten.

Wansleben:

Richtig, aber noch nie wurden die Finanzmärkte in diesem Ausmaß und weltweit gleichermaßen heimgesucht. Und deshalb kommen wir mit den Vorgehensweisen von gestern heute nicht weiter. Jetzt darf nicht gebremst werden; denn wenn es nicht gelingt, die Chance zu ergreifen und den sich andeutenden Aufschwung zu beflügeln, dann besteht die Gefahr, dass wir in die Rezession zurückfallen – mit allen negativen Konsequenzen für Arbeitsmarkt, Binnenkonjunktur und damit für die gesamte Volkswirtschaft, auch für die Banken.

Frage:

Was muss sich ändern, damit der Aufschwung nicht im Keim erstickt wird?

Wansleben:

Die Ratingverfahren, die die Banken traditionell anwenden, um die Bonität des Kunden zu ermitteln, sind auf normale Zeiten ausgerichtet – nicht auf wirtschaftliche Extremlagen. Heute besteht – trotz aller Schwierigkeiten – die Aussicht, dass die Situation in 2010/2011 wesentlich besser verlaufen kann, als wir das noch vor kurzem erwarten durften. Doch dieser Swing muss rasch erkannt werden, damit wir die Chancen des Aufschwungs nicht vergeben. Schwerlich aber bewältigen die Banken diesen Swing mit den gebräuchlichen Ratingverfahren; da dominieren die schlechten Zahlen der Unternehmen von 2009 und die greifbare bessere Situation 2010/2011 geht nicht angemessen in die Bewertung ein. Die Bonität der Firmen hängt jetzt viel stärker von den Zukunftsperspektiven ab als von den schlechten Zahlen der Vergangenheit. Dass dies erkannt wird, dafür werben wir.

Frage:

Aber die Banker stehen doch in der Pflicht, oder?

Wansleben:

Natürlich, die Kreditwirtschaft muss klar erkennen, dass ihr in der Krise entscheidend geholfen wurde. Vor allem systemrelevante Kreditinstitute durften nicht Pleite gehen. Aber jetzt ist die Zeit, dass die Banken eine adäquate Antwort finden. Denn es kann nicht sein, dass die Banken in guten Zeiten kräftig Geld verdienen und sich in schlechten Zeiten zurückziehen. Heute ist jeder gefordert, nicht nur möglich zu machen, was ermöglicht werden muss, sondern auch daran zu denken, dass das eigene Handeln mit zur Legitimation der freiheitlichen Gesellschaftsordnung beiträgt.

Frage:

Sollten die Eigenkapitalbestimmungen aufgeweicht werden?

Wansleben:

Wir warnen entschieden vor einer zu frühen Umsetzung der avisierten höheren Eigenkapitalbestimmungen.
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