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Von Dieter W. Heumann
Frage:
Herr Dreger, jüngst erlebten wir an den Märkten einen fallenden Ölpreis und einen steigenden US-Dollar. Sind das erste Anzeichen für eine mögliche baldige Trendwende an den Märkten – hin zum Besseren?
Dreger:
Da wäre ich noch vorsichtig. Sicherlich dürfte der Ölpreis auf die rückläufige Nachfrage aufgrund schwächerer Konjunkturen in den USA und Westeuropa reagieren. Doch die hohe Nachfrage aus anderen Regionen ist weiterhin intakt. Der Dollar spricht schon auf leichte Entspannungen am Ölmarkt an, da ein erheblicher Teil des US-Handelsbilanzdefizits aus Ölimporten resultiert. Aber etwa die Immobilienkrise ist noch nicht ausgestanden.
Frage:
In Deutschland läuft – nach einem überraschend starken ersten Quartal – jetzt alles auf einen leichten Wachs- tumsrückgang hinaus. Was ist der Grund?
Dreger:
Die Situation im ersten Quartal war klar überzeichnet. Wesentlich dazu beigetragen haben die Ausrüstungsinvestitionen. Sie weisen eine sehr kräftige Zunahme aus, die aber nicht zuletzt auch buchungstechnisch zu erklären sein dürfte. Für den weiteren Jahresverlauf deuten viele Faktoren auf eine Verschlechterung der Situation hin. Das DIW geht allerdings von einer noch leicht positiven Entwicklung des BIP aus.
Frage:
Was sind die Gründe für die momentane Abschwächung?
Dreger:
Die deutsche Exporttätigkeit hat sich deutlich verlangsamt und die Binnen- wirtschaft bisher enttäuscht. Das verlangsamte Wachstum der Weltwirtschaft macht sich zunehmend bemerkbar. Wobei ich nicht davon ausgehe, dass die konjunkturelle Schwächephase in den USA die Weltwirtschaft und damit unsere Exporte in die Tiefe ziehen wird. Dagegen steht aber eine überwiegend gute Entwicklung in den Schwellen- und Entwicklungsländern, die wie z.B. Russland, Brasilien und arabische Staaten, auch von hohen Öl- und Rohstoffpreisen profitieren.
Frage:
Aber dennoch, das deutsche Exportwachstum hat sich abgeschwächt?
Dreger:
Ja, aber das ist in erster Linie Folge der Verwerfungen bei den Wechselkursen. Der kräftige Anstieg des Euro verteuert die deutschen Produkte außerhalb des Eurolandes erheblich, und das hat per Saldo das Wachstum der Ausfuhren gedämpft. Allerdings sind nicht alle Ausfuhren in gleicher Weise vom Dollar betroffen. Die deutschen Exporte bestehen zu einem guten Teil aus Investitionsgütern, die gegenüber Wechselkursänderungen stärker resistent sind.
Frage:
Und das Schwergewicht der Binnennachfrage, der private Verbrauch?
Dreger:
Der Start des privaten Konsums ist nur aufgeschoben. Schuld daran ist die gestiegene Inflation, vor allem die Öl- und Lebensmittelpreise, die die privaten Haushalte deutlich belastet ha- ben. Die sonstigen Rahmenbedingungen für den privaten Konsum haben sich verbessert: Im derzeitigen Aufschwung wurden – auch aufgrund der Arbeitsmarktreformen – über eine Million neue Arbeitsplätze geschaffen. Das hat es in Deutschland in so kurzer Zeit noch nie gegeben. Die Löhne steigen wieder deutlicher als zu Zeiten betonter Lohnzurückhaltung – aber durchaus im Schnitt noch maßvoll. Diese positiven Faktoren werden bei einem Rückgang der Inflation auch den Konsum beflügeln.
Frage:
Reicht das für 2009 etwa halbierte Wachstum aus, um die Arbeitslosigkeit weiter abbauen zu können?
Dreger:
Zum weiteren Aufbau der Beschäftigung benötigen wir mehr als die prognostizierten 1,2 Prozent Wachstum. In diesem Jahr schwächt sich der Zuwachs an Beschäftigung ab, 2009 kommt er zum Stillstand.
Frage:
Trotz allem – der Aufschwung setzt sich nach Ansicht des DIW fort?
Dreger:
Unsere Botschaft lautet: Der Aufschwung setzt sich fort, aber auf deutlich niedrigerem Niveau. Auch in den kommenden Quartalen rechnen wir mit einem anhaltend niedrigen Wachstum mit Blick auf die Exporte, aber auch für die Binnenwirtschaft. Insgesamt erwarten wir für 2008 ein Wachstum des BIP von 2,7 Prozent – aufgrund des starken ersten Quartals. 2009 dürfte die Wirtschaft um 0,3 bis 0,4 Prozent je Quartal zulegen – insgesamt um etwa 1,2 Prozent.