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Interview „Es ist nicht unhöflich, klar nein zu sagen“

FRAGE:

Frau Philipp, warum ist Gewalt an Kindern immer noch ein Thema, über das viele am liebsten nicht sprechen?

PHILIPP

: Es ist für die Kinder und Jugendlichen äußerst schwierig, darüber zu reden, Angst zu haben. Zuzugeben Opfer zu sein, ist sehr schwierig. „Opfer“ ist schon ein Schimpfwort. Das gilt für körperliche Gewalt, für sexuelle Gewalt noch mehr. Dass in der weit überwiegenden Zahl der Fälle die Täter aus dem sozialen Umfeld kommen, erhöht die Schwierigkeit, über das Geschehene zu sprechen.

FRAGE:

Wie können Eltern ihren Kindern das Thema und die Gefahren näher bringen, ohne Angst zu machen?

PHILIPP

: Angst schwächt. Deshalb ist es ganz wichtig, dem Nachwuchs von Kindesbeinen an klar zu machen, dass er wichtig ist, dass er ernst genommen wird. Das müssen die Eltern vorleben. Wenn Eltern es selber schaffen, sich gut abzugrenzen, klar nein zu sagen, lernen die Kinder von ihrem Vorbild. Nehmen Sie das Beispiel der Begrüßung: Kein Kind mag es, zu jeder Zeit gedrückt zu werden. Das müssen etwa auch die Großeltern akzeptieren. Aufgabe der Eltern ist es, das Gespräch mit den Großeltern zu suchen und zu vermitteln. Oder bei Fremden: Ein Kind muss den Freund des Vaters begrüßen, ihm die Hand geben, muss es aber nicht. Das ist vielen Kindern viel zu nah. Eltern müssen ihr Kind auch in seinem Selbstbewusstsein stärken. Es sind oft unsere Gefühle, die uns eine erste Warnung geben.

FRAGE:

Und bei älteren Kindern?

PHILIPP

: Im Kindergarten- und Vorschulalter geht es darum, das Neinsagen zu üben. Kinder haben das Recht, Geschenke abzulehnen, erst recht bei Fremden. Es ist nicht unhöflich, klar nein zu sagen. Kindern dies klarzumachen, ist ein wichtiger Teil, den Erwachsene tun können, ohne selber Experte zu sein für Gewalt gegen Kinder. Diese Stärke wird den Kindern immer wieder zugute kommen.

FRAGE:

Wann sollte man denn anfangen, das Thema mit den Kindern zu besprechen?

PHILIPP

: Genanntes gilt bis zum Grundschulalter. Es ist aber nie zu spät, damit anzufangen. Man sollte immer das Gespräch, den Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen suchen. Ganz wichtig ist, dass die Kinder im Grundschulalter von ihren Eltern aufgeklärt werden. Aber auch in der Pubertät sollten die Eltern sich über Belange der Jugendlichen gut informieren. Das gilt auch für den Umgang mit Handys und den Computer, etwa beim Chatten. Ich kann meine Kinder nur begleiten, wenn ich selber gut informiert bin. Manchmal muss man sich richtig Mühe machen, sich durchzubeißen. Eltern sollten die Technik nicht verteufeln, sie müssen ihre Kinder aber begleiten, damit diese nicht Opfer werden.

FRAGE:

Wer wendet sich eigentlich an Sie, eher die Kinder oder die Eltern?

PHILIPP

: Das ist altersabhängig. Von sich aus kommen Kinder, wenn sie auf weiterführende Schulen gehen. Wir besuchen nach und nach alle vierten Grundschulklassen im Ammerland. Da lernen die Kinder uns und unsere Arbeit kennen. Wir bieten aber auch Beratung für Fachkräfte wie Erzieher, Lehrer und Übungsleiter an.

FRAGE:

Und wie läuft eine Beratung ganz konkret ab?

PHILIPP

: Am Anfang steht meist der telefonische Kontakt. Abhängig von der Dringlichkeit vereinbaren wir dann einen ersten Termin, oft am nächsten Werktag. Dann folgen persönliche Gespräche von jeweils einer Stunde Dauer, wie viele ist ganz unterschiedlich. Die Gespräche sind kostenlos und absolut vertraulich. Auf Wunsch begleiten wir die Kinder auch zur Polizei oder zu Gericht. Ganz wichtig dabei: Wir erstatten niemals Anzeige. An aller erster Stelle steht der Schutz der Kinder. Dann schauen wir, ob der Täter eine Gefahr für andere Kinder darstellt und wie man diese Gefahr reduzieren kann. Schließlich stärken wir das Kind und sein Umfeld, was dann häufig eine Anzeige nach sich zieht.

Die Gewaltberatungsstelle „Wendekreis“

berät Kinder, Jugendliche und Bezugspersonen aus dem Ammerland vertraulich und kostenfrei. Zudem ist die Einrichtung in Kindertagesstätten und Schulen präventiv tätig. Getragen wird sie durch den Deutschen Kinderschutzbund, Land und Landkreis Ammerland. Zu erreichen ist der „Wendekreis“ unter Telefon 04403/63132.
Markus Minten
Markus Minten Stadt Oldenburg und Ammerland (Leitung)
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