Ruth Attenbrunner, Geschäftsführerin des Kinderschutzbunds Oldenburg, ist besorgt über die Armutszahlen in der Stadt. 22,6 Prozent der Kinder gelten als arm.
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FRAGE:
Frau Attenbrunner, an diesem Sonnabend ist Jahrestag der UN-Kinderrechtskonvention, im September war Weltkindertag. Ist das nicht ein und dasselbe?
ATTENBRUNNER
: Nein. Beide Tage unterscheiden sich in ihrer Qualität. Der Weltkindertag wird meistens als Feiertag für Kinder wahrgenommen und mit Aktionen begleitet. Der Jahrestag der UN-Kinderrechtskonvention ist ein Tag, an dem sich Organisationen für die Rechte von Kindern einsetzen. Am 20. November 1989 trafen die Vereinten Nationen ein Abkommen, das allen Kindern auf der Welt grundlegende Rechte zubilligt. Das hat sich aber immer noch nicht überall herumgesprochen. So ein Jahrestag kann darauf aufmerksam machen, was noch getan werden muss. Es geht darum, Kinder wertzuschätzen, und ihnen mit Achtung und Respekt zu begegnen. Und zwar nicht nur am heutigen Tag.
FRAGE:
Mit Verstößen gegen die Kinderrechte verbindet man aber vorwiegend Dritte-Welt-Länder und nicht gerade unsere Gesellschaft...
ATTENBRUNNER
: Das mag sein. Aber wussten Sie, dass 22,6 Prozent der in Oldenburg lebenden Kinder als arm gelten? Davon liegt der Anteil ausländischer Kinder bei 68 Prozent. Diese Kinder stammen aus Familien, die mit 50 Prozent eines Durchschnitteinkommens auskommen müssen. Ihre Familien sind ALG-II-Bezieher. In der Konsequenz bedeutet das, dass diese Kinder kaum in der Lage sind, an kulturellen Angeboten oder außerschulischen Aktivitäten teilzunehmen. Eine Gleichbehandlung der Kinder untereinander ist so nicht mehr gewährleistet. Die Folge ist Ausgrenzung.
FRAGE:
Meistens bringt man Armutsszenarien eher mit Ballungszentren in Verbindung...
ATTENBRUNNER
: Sicherlich ist man schnell geneigt zu glauben, dass Oldenburg eine gemütliche Stadt ohne große Probleme ist. Tatsächlich trügt der Schein. Armut zeigt sich in Oldenburg sicher nicht so direkt, vielleicht, weil uns solch ein Thema aus der Nähe betrachtet unangenehm ist. Aber Tatsache ist, dass es leider immer mehr Oldenburger Familien und Kinder betrifft.
FRAGE:
Wie lässt sich Kinderarmut in Oldenburg entgegensteuern?
ATTENBRUNNER
: In erster Linie durch Bildung. Es ist bekannt, dass dort, wo die Integration gut funktioniert, die Rate der Kinder mit Migrationshintergrund, die einen Gymnasialabschluss erreichen, sehr viel höher ist. Generell gilt, dass Armut kein bildungshemmender Faktor sein darf. Darüber hinaus müssen aber auch die ALG-II- Bezüge angehoben werden. Es ist bekannt, dass sich Armut reproduziert, d.h. von Eltern auch an den Nachwuchs weitergegeben wird.
FRAGE:
Welchen Beitrag kann die Stadt leisten?
ATTENBRUNNER
: Lobenswert ist, dass die Kommunalpolitik durchaus schon reagiert hat. Das Modell der dritten IGS ist genau der richtige Weg. Bei einer Umfrage anlässlich des Projektes „Donnerschwee wird freizeitfit“ wurden Kinder nach ihrer Meinung befragt. Dabei ist die Idee eines Kinderbüros mit einem „Kümmerer“ entstanden. Die wollen wir nun weiterverfolgen. Schließlich ist es normal, dass es in einer Stadt einen Behinderten- und Ausländerbeauftragten gibt. Warum nicht also auch einen Kinderbeauftragten, der die Interessen und Belange von Kindern und Jugendlichen in Gremien und Ratssitzungen vertritt?!