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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft

Fondsmanager Jens Ehrhardt: Trump scheint Gefahren nicht zu sehen

21.03.2018
Frage: US-Präsident Donald Trump hat seine Drohung wahr gemacht und drastische Zölle auf Stahl- und Aluminiumeinfuhren erlassen. Gibt es vergleichbare Ereignisse in der Vergangenheit?
Ehrhardt : George W. Bush hat dies 2002 mit einem Stahlimport-Zoll von bis zu 30 Prozent schon einmal ausprobiert. Bei den damals 200 000 Jobs der US-Stahlindustrie passierte nicht viel, aber es gab über eine Million Arbeitsplatzverluste bei der stahlverarbeitenden US-Industrie. Auch heute dürften US-Industrien mit über sieben Millionen Jobs belastet werden bzw. sie verlieren indirekt an Konkurrenzfähigkeit. Direkt betroffen sind ausländische Stahl- und Aluminium-Produzenten, deren Aktienkurse bereits gefallen sind.

Fondsmanager und Investment-Profi

Dr. Jens Ehrhardt gilt als einer der bekanntesten Fondsmanager und Vermögensverwalter Deutschlands. Der 75-Jährige gibt seit 1974 den wöchentlich erscheinenden Börsenbrief „Finanzwoche“ heraus. Der gebürtige Hamburger ist Gründer, Hauptaktionär und Vorstandsvorsitzender der Vermögensverwaltung DJE Kapital AG mit Sitz in Pullach. Ehrhardt ist Vater von zwei Kindern.

Frage: Und wie haben die Börsen damals reagiert?
Ehrhardt: 2002 war besonders in der zweiten Jahreshälfte ein generell schlechtes Börsenjahr. Die 2000 begonnene Internetblasen-Baisse setzte sich fort. Hauptgrund war damals aber nicht der internationale Handel sondern die vorangegangene Bremspolitik der US-Notenbank, die vorher mit einer Politik unverantwortlich niedriger Zinsen zu einer Schuldenblase in den USA geführt hatte. Auch 2018/2019 besteht die Gefahr, dass die US-Notenbankpolitik zum Hauptbelastungsfaktor für die Börsen wird.
Frage: Wird es neben Verlusten bei Stahl und Aluminium auch den allgemeinen Markt treffen?
Ehrhardt : In der Vergangenheit haben sich Einzelmaßnahmen bei US-Zöllen sowohl unter Bush als auch Nixon nicht zu einem Handelskrieg ausgeweitet. Sollte es diesmal dazu kommen, ist sogar eine internationale Rezession möglich. Schätze ich Trump charakterlich richtig ein, so könnte aber ein Verzicht europäischer Gegenmaßnahmen von Trump als Schwächezeichen gewertet werden und zu neuen protektionistischen Maßnahmen einladen. Bei einem richtigen Handelskrieg rechnet man sogar in den USA mit bis zu vier Millionen zusätzlichen Arbeitslosen und das alles, um 400 000 Jobs in den USA in teils veralteten Produktionsstätten der Stahl- und Aluminiumindustrie zu schützen.
Frage: Ist sich Trump dieser Gefahren bewusst?
Ehrhardt : Trump scheint sich der Gefahren nicht bewusst zu sein, wenn er sagt, dass „Handelskriege gut und für Amerika leicht zu gewinnen sind“. Tatsächlich sitzen die USA am längeren Hebel – sie können weitaus mehr Importe stoppen als China oder Europa –, denn allein das Handelsbilanzdefizit gegenüber China ist auf den Rekordbetrag von fast 400 Milliarden in den vergangenen zwölf Monaten gewachsen.
Frage: Sollte es zu einem Handelskrieg kommen – wen würde er am heftigsten treffen?
Ehrhardt: Am meisten betroffen wäre die deutsche Automobilindustrie. Zusammen mit den sonstigen Problemen dieser, für die deutsche Konjunktur wichtigsten Branche, etwa dem gigantischen Investitionsvolumen für Elektroautos und möglichen Umrüstungskosten in Sachen Diesel, würden US-Zölle stark belasten. Die Multiplikatoren-Effekte eines verschlechterten deutschen Automobilabsatzes sind für die deutsche Konjunktur extrem negativ.
Frage: Anderes Thema: Ist die Wende an den Börsen eingeleitet – was sagt Ihnen Ihre über 50-jährige Börsenerfahrung?
Ehrhardt : Ich schließe einen weiteren Rückschlag nicht aus. Es gibt zu viel Optimismus – besonders an der US-Börse. Eine gesunde markttechnische Korrektur geht mit mehr Pessimismus unter den Anlegern einher, als dies derzeit der Fall ist. Ein deutlicheres Maß an Pessimismus ist notwendig, damit es nach einem Rückschlag wieder aufwärts gehen kann.
Frage: Wie wird sich der Dax weiter durch 2018 bewegen?
Ehrhardt: Bei der gegebenen wirtschaftlichen Situation könnte sich die Börse nach einem möglichen – kurzfristig eintretenden – zweiten Rückschlag bis April wieder erholen, wobei wir mit etwas Glück auch die Höchstkurse vom Januar nochmals testen könnten. Dann aber sollte man doch eher einen Verkauf ins Auge fassen, weil das Potenzial nach oben nicht mehr hoch sein dürfte. Im Herbst könnten sich dann wieder neue Kaufgelegenheiten bieten. Sicher ist indes, dass die steile Aufwärtsbewegung, wie wir sie seit Jahren erlebt haben, vorbei ist.
Frage: Wie groß ist die Gefahr, dass höhere Zinsen letztlich eine wirtschaftliche Rezession und eine Börsenbaisse auslösen werden?
Ehrhardt : Die Gefahr ist durchaus gegeben, denn in den USA ist die Verschuldung sehr hoch – gerade bei den Unternehmen und Haushalten, deren Konsum mit einem Anteil von 75 Prozent an der Wirtschaftsleistung der wichtigste Träger der US-Konjunktur ist. Ein anhaltender Zinsanstieg wird irgendwann bei den relativ hoch verschuldeten Verbrauchern zu Konsumeinschränkungen führen – zumal die US-Sparquote bei sehr niedrigen 3,2 Prozent (nahe Zwölf-Jahres-Tief) liegt. Und da die privaten Haushalte in den USA vergleichsweise hoch an der Börse investiert sind, werden erfahrungsgemäß auch Aktien verkauft.
Frage: Und bei welcher Zinshöhe wird es gefährlich?
Ehrhardt : Der Gefahrenpunkt ist derzeit noch nicht erreicht. Aber wenn die Verzinsung von Staatsanleihen mindestens bei 3,5 Prozent liegt, sind Negativ-Folgen realistisch. Zu berücksichtigen ist auch, dass die Fed nicht nur den Leitzins erhöht sondern mittlerweile auch – und das ist ganz wichtig – Anleihen verkauft und damit dem Markt Liquidität entzieht, was nicht nur den Marktzins zusätzlich treibt, sondern auch die Kreditvergabe der Banken in Zukunft erschwert. Allerdings ist sich die US-Notenbank der Gefahr bewusst. Sie hat mehrfach erklärt, sie sei in ihrer Geldpolitik durchaus flexibel.
Frage: Ein weiteres Risiko: Ende 2018 beginnt die aggregierte Bilanz der großen Zentralbanken zu schrumpfen. Dann wollen alle wichtigen Zentralbanken Anleihen verkaufen. Werden die Börsen den Rückzug aus der unkonventionellen Geldpolitik gut verkraften oder droht Ungemach?
Ehrhardt : Ende 2018 werden sich die größten Notenbanken in der Tat in die gleiche Richtung bewegen und per Saldo Liquidität abschöpfen. Schon allein die 600 Milliarden p.a. der US-Liquiditätsrückgänge werden international die Börsen belasten. Das dürfte gefährlich werden. Deshalb rate ich zu besonderer Vorsicht an den Börsen. 2019/20 könnte dann – aufgrund eines umfassenden Liquiditätsentzugs und steigender Zinsen – auch die Wirtschaft weltweit in Schwierigkeiten geraten. Allerdings reagiert die Börse auf Liquiditätsentzug erfahrungsgemäß erst mit einer Zeitverzögerung, sodass sich der aufmerksame Anleger rechtzeitig positionieren kann.
Frage: Sind Sie in Ihren Fonds noch voll in Aktien investiert?
Ehrhardt : Wir haben aufgrund der beschriebenen Unsicherheiten etwas abgespeckt und sind nicht mehr in vollem Umfang am Markt investiert.
Frage: Wie halten Sie es mit Nachzüglern aus den Sektoren Energie und Rohstoffe?
Ehrhardt : Rohstoffwerte sind immer noch interessant, da sie erfahrungsgemäß auch in der Spätphase eines Wirtschaftsaufschwungs gut laufen. Zudem wirkt die Dollarschwäche positiv auf Rohstoffe. Bei einem Handelskrieg gilt dies allerdings nicht. Agraraktien und Düngemitteltitel könnten profitieren.
Frage: Wie sieht es bei Technologie- und Industrieunternehmen aus?
Ehrhardt : US-Technologiewerte haben sich bereits sehr gut entwickelt, sie sind recht teuer, wenn auch gewinnstark und von Aktienrückkäufen speziell begünstigt.
Frage: Wie gewichten Sie Energietitel?
Ehrhardt : Sind als europäische Dividendenaktien haltenswert, aber der wohl fallende Ölpreis bremst die Kursentwicklung.
Frage: Sind Finanz-, Versicherungs- und Banktitel wieder interessant ? Schließlich zieht der Zins am langen Ende auch bei uns bereits an und die EZB dürfte in ca. einem Jahr mit Leitzinserhöhungen beginnen.
Ehrhardt : Finanzwerte profitieren von Zinssteigerungen aufgrund ihrer Geschäftsstrukturen (bessere Zinsspanne). Wir halten sie auch deshalb für sehr interessant, weil sie ebenfalls zu den besser laufenden Werten in der Spätphase eines Wirtschaftsaufschwungs zählen.
Frage: Welche Branchen gewichten Sie unter?
Ehrhardt : Die Zykliker sind im Vergleich zu den defensiven Titeln bereits gut gelaufen. Untergewichten würde ich Industrieaktien und Autowerte, wo die Prognosen der Hersteller zurückhaltend ausfallen.
Frage: Sind europäische Aktien allgemein aussichtsreicher als amerikanische oder japanische Titel?
Ehrhardt : Ein Investment an den Börsen in den Schwellenländern, in Japan und in Europa halte ich – in dieser Reihenfolge – aus dem Blickwinkel der Bewertungen für aussichtsreicher als in den USA. Unser Vergleich über Jahrzehnte zeigt, dass der Bewertungsabstand zwischen deutschen, europäischen und US-Aktien – zugunsten der amerikanischen Titel – noch nie so hoch wie heute war. Positiv für US-Aktien sind die angekündigten Rekordaktienrückkäufe. Die US-Notenbankpolitik spricht aber eher gegen US-Aktien, besonders wenn die US-Liquidität, wie angekündigt, stark vermindert wird (Quantitative Tightening).
Frage: Nach welchen Kriterien sollten Anleger beim Aktienkauf heute vorgehen?
Ehrhardt : Heute sollte vor allem das Timing (Käufe im Herbst?) im Vordergrund stehen – und wie gesagt, nicht America first, sondern die Schwellenländer sowie Japan und Europa.
Frage: Und weiterhin Vorsicht vor Anleihen?
Ehrhardt : Gegenüber Anleihen herrscht ziemlich hoher Pessimismus. Nur bei einer Umkehr des guten Konjunkturverlaufs werden Anleihen wieder interessant. Dafür sehe ich derzeit aber keine Anzeichen. Also: Es bleibt bei Vorsicht, aber wegen Extrempessimismus Pause im Abwärtstrend der Anleihenkurse.
Frage: Obwohl in den USA der Leitzins deutlich über dem Zins in der Eurozone liegt, die Brexitverhandlungen immer noch kein klares Bild ergeben und der Wahlausgang in Italien eine schwierige Regierungsbildung signalisiert, steigt der Euro gegen Dollar. Warum?
Ehrhardt : Gemessen an seiner Kaufkraft ist der Dollar überbewertet. Dennoch, mit Blick auf die Zinsdifferenz zwischen den USA und Europa, die deutlich zugunsten der USA ausfällt, müssten die Geldströme eigentlich via USA fließen und den Dollar stärken. Verunsichernd wirken aber vor allem die US-Zwillingsdefizite – das hohe Haushalts- und Handelsbilanzdefizit. Dieses Problem ist zwar nicht neu, die Situation droht aber nun, aufgrund der Trumpschen Steuerreform, des kostspieligen Infrastrukturprogramms sowie der protektionistischen US-Handelspolitik, zu eskalieren.
Frage: Rechnen Sie mit einem anhaltend starken Euro?
Ehrhardt : Den größten Teil seines Anstiegs dürfte der Euro hinter sich haben. Bis zum Jahresende sollte die Gemeinschaftswährung allenfalls bis auf 1,30 gegen Dollar steigen, damit dürfte das Ende der Fahnenstange aber erreicht sein und vorher ist ein Test von 1,20 möglich.
Frage: Und nun zu Ihrem Lieblingsthema – dem Gold.
Ehrhardt : Kurzfristig betrachtet ist das Thema Gold nicht so spannend. Auch hier ist zu viel Optimismus im Markt. Zudem wächst die Nachfrage aus China und Indien derzeit kaum. Auch sind die Hedgefonds und die Spekulanten gegenwärtig nicht stark engagiert. Bis Ende des Jahres sollte der Goldpreis aber leicht aufwärts gerichtet sein. Längerfristig sehe ich Chancen am Goldmarkt, da sich die genannten Einflussfaktoren wieder drehen und positiv auf den Markt einwirken sollten. Ferner scheint die Weltgoldproduktion 2016 ihr Hoch erreicht zu haben, sodass künftig eher mit einer Verknappung des Angebots zu rechnen ist. Positiv sind die steigenden Inflationserwartungen. Zudem gilt: In unsicheren Börsenjahren überwintert man ganz gut mit etwas Gold im Tresor.
Frage: Zunehmend treten Bitcoins in den Blick der Öffentlichkeit. Ist die Kunstwährung mehr als ein Spekulationsobjekt?
Ehrhardt : Aufgrund der extremen Kursschwankungen, die wir bei Bitcoins sehen, dürften sich Bitcoins als Währung nicht durchsetzen. Die Investoren in Bitcoins sind hochgradige Spekulanten, die nur von der Gier nach schnellen, möglichst hohen Kursgewinnen getrieben werden. Im Gegensatz zu guten Aktien steht hinter Bitcoin keine Substanz und zukünftige Ertragskraft. Tulpenzwiebeln hatten mehr Substanz.

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