Ist es nicht eine große Umstellung aus der praktischen Landwirtschaft in das Ministerium zu wechseln?

Otte-KinastDa unterschätzen Sie die Landwirtschaft ein wenig. Mein Büro zu Hause ist vergleichbar mit dem eines mittelständischen Unternehmens. Was die Technik angeht, ist das Tablet auch in der Landwirtschaft gang und gäbe. Ich bin ländliche Hauswirtschaftsleiterin, habe eine Heimvolkshochschule geleitet und bin außerdem nun viele Jahre auf unserem landwirtschaftlichen Betrieb für die Büroarbeit zuständig. Führung und Verwaltung sind mir also durchaus bekannt. Was viele nicht wissen: Büroarbeit nimmt die gleiche Zeit in Anspruch wie die Aufzucht von Kälbern und das Melken.

Sie kennen den Alltag der Landwirte, das Geschäft, die Herausforderungen, die Sorgen und Nöte. Wo wollen Sie eigene Akzente setzen, wo knüpfen Sie an ihre Vorgänger Christian Meyer (Grüne) und Gert Lindemann (CDU) an?

Otte-KinastIch komme aus der Praxis und weiß, was dahinter steht. Den Tierschutzplan, der von Herrn Lindemann auf den Weg gebracht worden ist, den werden wir weiterführen. Denn die Landwirte müssen in der Gesellschaft anerkannt sein, und das geht nur, wenn die Tiere vernünftig gehalten werden, und der Tierschutz stimmt.

Die neue Landwirtschaftsministerin

Barbara Otte-Kinast (53, CDU), die bisherige Landfrauen-Vorsitzende, ist Tochter eines Bauern und mit einem Landwirt verheiratet. Sie absolvierte eine Ausbildung in der ländlichen Hauswirtschaft und ist seit 2004 Mitglied des Kreistags Hameln-Pyrmont sowie seit 2001 Vize-Ortsbürgermeisterin in Beber-Rohrsen am Deister.

Der Tierschutzplan ist vor einigen Jahren auf den Weg gebracht worden. Ich möchte jetzt zusammen mit den Landwirten, die das in ihren Betrieben umsetzen müssen, und den Tierärzten eine Zwischenbilanz ziehen. Die Frage stellt sich, ob der bisher eingeschlagene Weg richtig ist. Oder ob es vielleicht völlig neue Erkenntnisse von Tierärzten, Praktikern und Wissenschaft gibt.

Ich möchte mir zuerst einmal die Erfahrungen von Landwirten anhören.

Und was ist mit der Gülleproblematik?

Otte-KinastAn das neue Düngegesetz müssen wir uns natürlich halten. Aber auch da möchte ich wieder alle Beteiligten an einen Tisch bekommen.

Es gibt viele innovative Ideen, die wir uns mal anschauen müssen. Hinzu kommen zahlreiche Forschungsprojekte, die aus meiner Sicht in letzter Zeit nicht genügend verfolgt wurden. Da müssen wir ran, wir müssen kreativ sein und das positiv nach vorne entwickeln.

Wie steht es um die gesellschaftliche Akzeptanz der Landwirte?

Otte-KinastAls landwirtschaftliche Familie auf einem Betrieb habe ich es auch erfahren, wie man in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, und dass man manchmal mit dem Rücken an der Wand steht und sich rechtfertigen muss für die Arbeit, die man dort macht.

Viele Verbraucher und Menschen, die mit uns auf Dörfern leben, wissen gar nicht mehr, was wir da machen. Da fährt zum Beispiel unser Schlepper mit einem Wasserfass vorbei für die Rinder und jemand sagt: „Ihr mit eurer Gülle.“ In solchen Momenten helfen dann Gespräch und Erklärung. Das muss auch das Ziel für Landwirtschaft insgesamt sein: Wir müssen im Gespräch bleiben, zugleich dabei die Verbraucherinnen und Verbraucher aufklären und mitnehmen. Das Landvolk ist da inzwischen auch auf einem guten Weg, viele Verbände erklären, wie Landwirtschaft heute funktioniert. Wir müssen es schaffen, unsere Landwirtsfamilien wieder in die Mitte der Gesellschaft zu holen. Das gilt für alle landwirtschaftlichen Betriebe, egal, ob konventionell oder Öko-Betrieb.

Wie können Landwirte wieder mehr Gehör finden?

Otte-KinastAlle müssen an sich arbeiten, die Ausbildung zum Landwirt etwa muss Öffentlichkeitsarbeit im Handwerkskasten haben. Das Miteinanderreden ist wichtig, statt übereinander zu reden, das baut Ängste ab. Wir stärken die Landwirte nur dann, wenn wir deren gute Leistungen auch kommunizieren. Denn das Interesse an der Landwirtschaft ist ja vorhanden und sogar sehr groß.

Das zeigt sich zum Beispiel, wenn Betriebe Besichtigungen anbieten. Das löst fast immer einen Ansturm von Besuchern aus. Leider nimmt der direkte Kontakt zwischen Bewohnern und Landwirten immer mehr ab. Es gibt heute Dörfer ohne Landwirt. Das ist natürlich sehr schade, und ich will meinen Beitrag leisten, das Wissen über die Landwirtschaft zu verbessern.

Aus meiner Sicht ist es im Übrigen nur ein kleiner Teil der Gesellschaft, der die Landwirtschaft verunglimpft, aber dieser Teil tritt halt recht laut auf. Es gilt, in allen Bereichen kreativ und innovativ zu denken und Technik nicht zu verteufeln. Manche mögen sich eine Kuschellandwirtschaft wünschen, aber damit verdienen die Landwirte kein Geld.

Allerdings haben Werbung und Lebensmittelindustrie auch irreführende Akzente gesetzt.

Mein Ziel ist, das Bild der Landwirtschaft wieder ins rechte Licht zu rücken. Dazu gehört die Erkenntnis, dass Landwirtschaft kein Streichelzoo ist. Da gibt es Technik und auch Roboter, die das Melken übernehmen.