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Von Dieter W. Heumann
Frage:
Wann wird das Wachstum wieder anziehen?
Sinn: Ich sehe das Ende der Schwächephase noch nicht. Die Flaute wird das Jahr 2010 umfassen. Die Arbeitslosigkeit wird auch in dem Jahr noch zunehmen, und vermutlich kommen wir dann wieder über vier Millionen. Die Agenda 2010, die uns am Arbeitsmarkt, über die Konjunktur hinaus, eine erhebliche Zusatzdynamik gebracht hat, wird uns helfen, mit der Krise etwas besser fertig zu werden, als es sonst der Fall gewesen wäre. Denn durch die Lohnzurückhaltung, die damit einherging, wurde der Binnensektor gestärkt.
Frage:
Welche Indikatoren können Mut machen?
Sinn:
Der private Konsum ist bislang noch recht stabil. Es sind aber Zweitrundeneffekte aus dem Rückgang der Investitionsgüter- und Exportnachfrage für das zweite Halbjahr 2009 zu erwarten.
Frage:
Hätte man der Stärkung der Binnenkonjunktur nicht schon früher mehr Aufmerksamkeit schenken sollen?
Sinn:
Es wäre in der jetzigen Situation in der Tat besser, unsere Volkswirtschaft hätte einen stärkeren Binnensektor. In Deutschland ist das Binnenangebot lange vernachlässigt worden. Durch die früher über Jahrzehnte betriebene Hochlohnpolitik wurde es systematisch zerstört. Man hat die arbeitsintensiven Güter und Dienstleistungen, die hier früher produziert wurden, durch Importe ersetzt und die Kräfte des Landes auf die kapital- und wissensintensiven Exportsektoren konzentriert. Dort expandierte die Wertschöpfung im Übermaß (Basar-Effekt), doch entstanden im Export viel zu wenig Arbeitsplätze, um den Wegfall der Arbeitsplätze in den Binnensektoren zu kompensieren. Seit der Regierung Schröder hat eine gewisse Korrektur eingesetzt. Mit der Schaffung eines Niedriglohnsektors hat sich der Binnensektor wieder etwas belebt, aber er hat längst noch nicht wieder die notwendige Stärke gewonnen.
Frage:
Sind kräftigere Lohnerhöhungen sinnvoll?
Sinn:
Ich kenne das Argument. Es ist ökonomisch nicht haltbar und beruht auf einer Unkenntnis ökonomischer Wirkungsmechanismen. Das Gegenteil ist richtig: Durch unverhältnismäßig hohe Lohnsteigerungen verteuern sich gerade die arbeitsintensiven Binnensektorleistungen. Die Folge: Diese Leistungen werden weniger nachgefragt. Die Deutschen sind sich gegenseitig zu teuer, als dass sie bereit wären, einander die Leistungen abzukaufen, die sie anzubieten haben. So sind wir zum Beispiel auch deshalb Tourismus-Weltmeister, weil Deutschland im Laufe der Jahrzehnte zu teuer geworden ist. Früher konnten sich nur die Reichen einen Auslandsaufenthalt leisten, und die Armen mussten in Deutschland Urlaub machen. Heute ist es umgekehrt. Nur die Reichen können sich heute noch einen Urlaub auf Norderney oder in Garmisch leisten. Die Armen müssen stattdessen nach Mallorca.
Frage:
Können Schwellenländer wie China – wie erhofft – die Weltwirtschaft wieder anschieben?
Sinn:
Abgesehen davon, dass auch Länder wie China die Konjunkturkrise – aufgrund ihrer rückläufigen Exporte in die Industrieländer, vor allem in die USA – selbst erheblich spüren, muss man sich deren Gewicht in der Weltwirtschaft vor Augen führen. Die wirtschaftlich wichtigsten Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China haben gerade 13 Prozent Anteil an der Weltwirtschaft. Zum Vergleich: Die USA kommen auf 25 Prozent und die EU auf 31 Prozent.
Frage:
Wie kommen wir wieder aus der Rezession heraus? Ist das mit dem Maßnahmenpaket der Bundesregierung zu schaffen?
Sinn:
Das Paket ist ok. Ich kann allerdings nur raten, jetzt nichts zu überstürzen. Da wir mit erheblichem zeitlichen Abstand hinter der US-Konjunktur hinterherhinken, müssen wir uns mit neuen Programmen nicht sonderlich beeilen. Konjunkturprogramme sind immer nur Strohfeuer. Man muss sich sehr genau überlegen, wann man sie auflegt, denn man hat nicht genug Stroh, um dauerhaft damit zu heizen. Derzeit liegt die Arbeitslosigkeit auf dem tiefsten Stand seit 16 Jahren. Das ist nicht die Situation, in der man ein Konjunkturprogramm macht. Um ein anderes Bild zu verwenden: Man kann nur den Boden des Tals, das wir durchschreiten werden, mit einem Konjunkturprogramm überbrücken. Um das gesamte Tal zu überbrücken fehlt es an Baumaterial. Wir müssen erst einmal ein Stück weit in das Tal hinabsteigen, bevor der Brückenbau bis zum nächsten Berg gelingen kann.