Von Dieter W. Heumann
Frage:
Herr Professor Gerke, die vom US-Immobilienmarkt ausgegangene Finanzkrise scheint für Deutschland relativ glimpflich ausgegangen zu sein. Aber viele Fragen bleiben – etwa: Was trieb ein deutsches Spezialinstitut für Mitttelstandskredite wie die IKB an den amerikanischen Immobilienmarkt ?Gerke:
Die IKB hat offensichtlich im Mittelstandsgeschäft wenig verdient. Sie hat dann versucht, ihre Rendite durch wesentlich riskantere Geschäfte in einem Bereich aufzubessern, der ihr weitgehend fremd war. Zunächst wurde so zwar eine höhere Rendite erzielt; mit den Verwerfungen am amerikanischen Immobilienmarkt geriet die IKB aber in so große Schwierigkeiten, dass man dem Vorstand Fahrlässigkeit oder mehr vorwerfen muss.Frage:
Sind die Margen im angestammten Bankgeschäft so gering, dass ein Ausweichen auf ertragreichere Geschäfte zwingend ist ?Gerke:
In Deutschland sind die Margen im Kreditgeschäft allgemein relativ niedrig. Grund ist der gut funktionierende Wettbewerb unter den Kreditinstituten. Davon profitieren die Bankkunden. Das deutsche Drei-Säulen-Bankensystem wird zwar viel gescholten, aber für die Kunden bringt es erhebliche Vorteile. Die Kreditinstitute selber tun sich natürlich schwer mit den knappen Margen. Aber dies rechtfertigt keinesfalls, mit hohem Risiko behaftete Geschäfte einzugehen, wie dies die IKB getan hat.Frage:
Erwarten Sie weitere dramatische Schieflagen deutscher Kreditinstitute ?Gerke
: Ich hoffe natürlich, dass wir nicht nur die Spitze des Eisbergs gesehen haben, sondern die Dimension des ganzen Eisberges kennen. Dennoch, die eine oder andere Überraschung ist noch nicht auszuschließen.Frage:
Wie oft lassen sich Rettungsaktionen – wie sie stattgefunden haben – fortsetzen ?Gerke:
Es ist noch viel Spielraum vorhanden, um solche Rettungsaktionen auch weiterhin zu unternehmen. Ich bin optimistisch, dass kein Marktteilnehmer Interesse daran hat, dass sein Konkurrent in so große Schwierigkeiten gerät, dass als Folge für den gesamten Markt Turbulenzen zu befürchten wären. Es ist kein Altruismus, wenn man dem Konkurrenten hilft, sondern Eigeninteresse, und es liegt im Interesse des Gesamtmarktes. Ich bin überzeugt, dass die Vernunft auch zukünftig im Krisenfall dazu führen wird, dass tragbare Auffangkonstruktionen geschaffen werden.Frage:
Müssen sich Privatkunden und mittelständische Unternehmen in Deutschland auf Schwierigkeiten bei der Kreditversorgung einstellen ?Gerke:
Geld ist genug vorhanden. Aber die Kunden müssen sich auf mehr Vorsicht der Banken bei der Kreditvergabe einstellen. Ich kann mir auch vorstellen, dass man bei Immobilienfinanzierungen die Höhe der Beleihungsquoten genauer betrachtet und dort vorsichtiger operiert als dies in den letzten zwei Jahren der Fall war.Frage:
Und die Kreditkosten ?Gerke:
Ich gehe davon aus, dass die Institute auf den bestehenden Kreditzins jetzt noch einen zusätzlichen Risikozuschlag erheben werden.Frage:
Sind Ihnen in Deutschland Fälle bekannt, dass Anlagekunden ihre Einlagen von Instituten in größerem Umfang abgezogen haben?Gerke
: Nein. Aber es ist sehr wohl bekannt, dass Kreditinstitute untereinander – im Inter-Banken-Geschäft – sehr zurückhaltend waren bzw. sind.Frage:
Ist zu erwarten, dass die Einlagenkunden nun vorübergehend die Sicherheit in den Vordergrund rücken werden und so z.B. das Sparbuch wieder eine Renaissance erlebt ?Gerke:
Ich sehe keine Renaissance des Sparbuchs. Aber ich rechne mit einer Renais- sance sicherer Geldanlagen, die – immer unter Berücksichtigung des Risikos – attraktive Zinsen bieten. Das gilt für Bankobligationen ebenso wie für Bundesanleihen.Das Sparbuch wird immer seinen Platz haben, aber es wird die große Bedeutung die es einst hatte nicht wieder erreichen.
