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Die Wirtschaftskrise habe gezeigt, dass der Euroraum keine Insel ist. Das meint der britische Finanzexperte.
Von Dieter W. Heumann
Frage:
Der Euro existiert seit zehn Jahren und nimmt unter den Weltwährungen eine Spitzenposition ein. Die eigentliche Bewährung steht dem Euro aber erst noch bevor, wie Sie in Ihrem Buch prognostizieren. Ihr Blick zielt auf die derzeitige Wirtschaftskrise. Ist die Gemeinschaftswährung kein automatischer Schutz gegen die Wechselfälle von außen?
Marsh:
Wie die derzeitige Rezession im Euroland zeigt, ist das nicht der Fall. Der Euro als Schutzwall vor allen Widrigkeiten, das war eine Illusion. Die ersten Jahre waren für den Euro erfolgreiche Jahre, das mag zu solchen Illusionen geführt haben. Aber die Verschärfung der Kredit- und Wirtschaftskrise in den letzten 18 Monaten hat das Gegenteil gezeigt. Auch der Euroraum ist keine Insel.
Frage:
Sie sehen sogar zunehmend tiefere Risse im Fundament der Währungsunion?
Marsh:
Die Weltwirtschaftskrise fördert Konstruktionsfehler der Währungsunion und vor allem Fehler bei der Durchführung zu Tage. Mitten durch das Euroland geht eine sich vertiefende Kluft. Der Hauptgrund dafür ist, dass festgelegte Wechselkurse zwischen Ländern mit unterschiedlichen Produktivitätsmustern die relative Wettbewerbsfähigkeit verändert haben. Deutschland hat seit 1999 einen Wett-bewerbsvorteil von mehr als zehn Prozent erreicht. Italien z.B. hat dagegen fast 40 Prozent verloren.
Frage:
In der Weltrezession drängen neue Länder in den Euroraum. Mit einer stabilen Währung könnten sie sich billiger verschulden, so ihre Hoffnung. Da müssten in Brüssel doch die Alarmglocken läuten?
Marsh:
Unbedingt. Es wäre fatal, wenn Länder wie Ungarn und Polen zu schnell in die Währungsunion aufgenommen würden. Die Rahmenbedingungen des Maastricht-Vertrages müssen von den Beitrittskandidaten erfüllt werden. Instabilitäten dieser Länder würden auch andere Mitglieder wie z.B. Deutschland belasten, die einen zunehmenden Teil ihrer Exporte in diesen Ländern absetzen.
Frage:
Ist eine politische Union unabdingbare Voraussetzung für eine nachhaltige Währungsunion?
Marsh:
Ich sehe keine andere Möglichkeit. Die derzeitige Entwicklung der Währungsunion zeigt das nur zu deutlich. Die heutige Währungsunion ist ein Drahtseilakt. Ich sage nicht, dass sie in absehbarer Zeit auseinanderbrechen wird. Aber es könnte dazu kommen, dass ein oder mehrere Länder ausscheiden werden. Das müssen nicht die schwächsten Länder sein, auch Deutschland oder die Niederlande könnten sich zum Austritt gezwungen sehen und eine Art Hartwährungsblock gründen.