Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, stimmt’s?

HahnJa. Ich bekomme eine andere Wahrnehmung, eine andere Achtsamkeit und Aufmerksamkeit in Bezug auf andere Menschen und die Natur. Ich komme mehr mit mir in Verbindung.

Kann man sich in so kurzer Zeit daran gewöhnen, nicht zu sprechen?

HahnDas ist völlig individuell. Es gibt Leute, die mehr in der Meditation zu Hause sind oder in Verbindung mit der Natur stehen und nicht so im Außen sein müssen. Für die ist es wahrscheinlich etwas leichter als für jemanden, der auf 1000 Hochzeiten gleichzeitig tanzt. Multitasking ist heute ein großes Problem. Es ist auch wissenschaftlich belegt, dass es nicht zu mehr Erfolg führt.

Hat man nicht ständig das Bedürfnis, sprechen zu müssen?

HahnDa gab es eine ganz lustige Geschichte. Eine Teilnehmerin hatte sich schon länger darauf vorbereitet. Am Abend vorher hatten wir nach der Einweisung das letzte Mal gesprochen. Am nächsten Morgen kommt sie runter in die Küche. Das erste, was sie macht, als sie mich mit dem vorbereiteten Essen sieht ist, sie sagt: „Boah, hast du eine Nachtschicht eingelegt?“ Es ist überhaupt nicht schlimm, dass sie noch etwas gesagt hat. Nach drei Tagen lag sie im Liegestuhl im Garten und sagte plötzlich: „Ist das ein tolles Wetter!“ Das kam ganz aus der Entspannung. Sie hatte vergessen, dass sie eigentlich nicht redet.

Wie sind Ihre Erfahrungen vom letzten Retreat?

HahnDie Teilnehmer waren alle tief berührt, wie viele Erfahrungen sie in der relativ kurzen Zeit erlebt haben. Ich hatte nur positive Rückmeldungen. Manchmal ist etwas hochgekommen, was in dem Moment nicht positiv war. Man schaut nicht immer gern in den Spiegel. Unliebsame Gewohnheiten kann ich aber nur verändern, wenn ich sie bemerke. Dafür ist das Retreat eine tolle Möglichkeit.

Was soll das Schweigen im Idealfall bewirken?

HahnEs soll bewirken, dass ich aus dem gewohnten Trott herauskomme. Wenn ich mir eine Auszeit nehme, dann reflektiere ich anders. Aber es geht nicht nur darum, etwas zu verändern. Es heißt auch: raus aus den zu vielen Reizen von außen – ob Telefon, Internet oder elektromagnetische Felder. Wir schweigen in der Natur. Da kann man einfach mal zur Ruhe kommen. Mit dem Angebot nicht zu sprechen, kommuniziere ich trotzdem mit dem anderen, zum Beispiel bei der Essenszubereitung. Ich kann nicht permanent fragen, wie viel Salz soll denn hier rein? Dann muss ich andere Sinne aktivieren. Ich brauche eine wirkliche Achtsamkeit für den anderen.

Würden Sie sagen, dass es manchmal auch im Alltag gut ist, einfach zu schweigen?

HahnIm Prinzip ist das nicht verkehrt. Viele reden einfach mehr als nötig. Schweigen ist ein Prozess, selbst, wenn es nur die vollen drei Tage ohne Reden ist. Das ist anders, wenn ich Single bin und ganz oft nicht rede, weil ich allein bin. Im Retreat geht es mehr in die Tiefe. Es geht darum, in Verbindung mit sich und seinen Kräften zu kommen. Gemeinsam zu schweigen ist viel herausfordernder als alleine.