Um diesen Artikel zu lesen, schließen Sie eines unserer Angebote ab oder loggen sich als Abonnent ein. Alle Inhalte auf NWZonline und in der NWZ-Nachrichten-App stehen Ihnen dann uneingeschränkt zur Verfügung.
Von Rüdiger zu Klampen
Frage:
Herr Dr. Harms, die norddeutschen Industrie- und Handelskammern, darunter die Oldenburgische IHK, haben ein Positionspapier für die Politik formuliert. Die soll auf allen Ebenen die Industrie stärken. Ist das denn nötig? Vielen Unternehmen geht es doch zurzeit sehr gut . . .
Harms:
Wir müssen weiter in die Zukunft denken. Der norddeutsche Raum steht an der Schwelle zu diversen großen Investitionen – darunter der Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven. Damit diese Projekte voll investitions- und arbeitsplatzwirksam werden können, müssen eine Reihe von Standortbedingungen verbessert werden.
Frage:
Zum Beispiel?
Harms:
Um bei den Häfen und hafengestützten Industrien zu bleiben: Die benötigen für ihre Entfaltung bessere Straßen- und Schienenverbindungen und auch tiefere Flüsse. Deutschland ist Exportweltmeister, und zwar wegen seiner Industrieprodukte. Diese müssen auch in Zukunft reibungslos ins Land gebracht und exportiert werden können.
Frage:
Aber Bund und Land tun doch einiges. Reicht das nicht?
Frage:
Das reicht nicht zur langfristigen Absicherung des Industriestandortes. Ein Beispiel ist der Ausbau des Schienennetzes. Das Projekt der Y-Trasse, das den Abfluss von Gütern aus den Regionen Bremerhaven/Bremen/Wilhelmshaven einerseits sowie Hamburg andererseits – in Richtung Hannover und Süddeutschland – verbessern soll, wird mehr als 1,3 Milliarden Euro kosten. Der Bund hat aber gerade einmal 15 Millionen Euro bis 2010 eingeplant. Und so ist es in vielen Fällen. Es wird zu sehr gekleckert statt geklotzt.
Frage:
Ist die Förderung des Industriestandorts angesichts des Strukturwandels hin zu Dienstleistungen nicht eine Forderung von gestern?
Harms:
Das mag für andere Staaten gelten, aber nicht für Deutschland! Wir leben von unseren Industrieprodukten – konkret davon, dass hierzulande Autos, Maschinen, Flugzeuge oder auch Ausrüstungen für regenerative Energien sowie Nahrungsmittel in weltbester Qualität produziert werden. Diesen Ast, auf dem wir sitzen, dürfen wir nicht absägen. Im Übrigen sind auch die günstigen Entwicklungen im boomenden Dienstleistungssektor im Zusammenhang mit der Industrie zu sehen. Denn sie fragt diese Services nach.
Frage:
Wofür soll die Politik konkret sorgen?
Harms:
Wir brauchen neben besseren Verkehrsanbindungen Flächen für Ansiedlungen. Und statt einer Übergewichtung des Naturschutzes brauchen wir eine pragmatischere Herangehensweise. Ganz wichtig sind auch Verbesserungen im Bildungssystem. Wir müssen früher Interesse an den naturwissenschaftlich-technischen Berufen wecken, möglichst schon in der Grundschule. Die vielen offenen, wegen Fachkräftemangels nicht besetzbaren Ingenieurs- und Technikerstellen legen einen gesellschaftlichen Skandal offen.