ISERNHAGEN - Im Sitzungszimmer der Saaten-Union GmbH hängen Fotos von sieben schmucken Pflanzenzucht-Betrieben sowie eine Europakarte mit Symbolen an der Wand. Angezeigt wird, welche Fruchtarten – Getreide, Mais, Raps und anderes – wo vertreten sind – oder ob es der gemeinsame Firmenverbund ist: die Saaten-Union. „In Osteuropa gibt es zurzeit besonders interessante Wachstumsmärkte“, schwärmt Marcus Iken mit Blick auf die Karte.

Der 53-Jährige ist Geschäftsführer des Unternehmens, das zu den Marktführern im globalen Geschäft mit Saatgut zählt. Der Sitz ist Isernhagen bei Hannover. Mit Iken muss man aber nicht lange sprechen, um zu spüren: Sein Herz schlägt immer noch für die alte Heimat, das Oldenburger Land. Hier wuchs er auf und startete seine Karriere. „Der Pioniergeist dort ist sagenhaft“, schwärmt er.

Pioniergeist – das liebt Iken. Ständig dringt er mit der Saaten-Union in neue Märkte vor. Er liefert umgehend das bestellte Saatgut, oder es wird neu gezüchtet. Die Saaten-Union kann auf Pflanzengenetik zurückgreifen, die über Generationen von den sieben Pflanzenzuchtbetrieben, die auch Gesellschafter der Saaten-Union sind, aufgebaut wurde. Dadurch ist man Vollsortimenter in landwirtschaftlichem Saatgut. Nicht nur Landwirte in ganz Europa werden beliefert, sondern auch die Industrie.

Wenn etwa eine Brauerei in Südafrika ein neues Bier plant und in Isernhagen anruft – die Saaten-Union kann dann sogleich ein paar Tüten mit genau angepasstem Braugersten-Saatgut liefern, das auch am Kap der guten Hoffnung gedeiht. Und für das Ergebnis – Anbau in großem Stil, mit dem vermehrten Saatgut – werden Lizenzgebühren eingenommen, um den Aufwand der bis zu zehnjährigen Züchtungsarbeit pro Sorte zu finanzieren. Es geht um rund 150 000 Tonnen Saatgut pro Jahr.

Geschäftsführer Marcus Iken wurde in Wildeshausen (Kreis Oldenburg) geboren. Die Eltern zogen später mit fünf Geschwistern nach Grönheim im Kreis Cloppenburg. Nach dem Gymnasium in der Kreisstadt machte Iken im Landhandel eine Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Anschließend zog es ihn die Ferne – zu dem Hamburger Getreide-Händler Kampffmeyer und danach zu dem internationalen Kontrollunternehmen SGS (Genf /Hamburg).


Beides hat Iken mitgeprägt. Sein Geschäft bei der Saaten-Union ist global. Und er verkörpert vor den Toren Hannovers vornehmes hanseatisches Understatement.

In Hamburg ereilte Iken ein Anruf aus Oldenburg: Ob er Vorstandsmitglied der DGO (Düngemittel-Großhandel Oldenburg) werden wolle? Iken blieb sechs Jahre beim Unternehmen, welches zu den Vereinigten Landwarenkaufleuten gehörte. Neulich saß Iken im Lokal „Anna Hunte“ nahe der Oldenburger Eisenbahnbrücke am Stau und schwelgte beim Blick nach drüben, zum einstigen DGO-Gelände, in Erinnerungen.

1989 bekam die Karriere eine neue Richtung: Die Saaten-Union aus Isernhagen klopfte an. Und seither ist Iken dort Chef.

Mit dem Nordwesten aber blieb der 53-Jährige „sehr verwachsen“. Er pflegt Freundschaften, und man sieht ihn bei Veranstaltungen wie dem „Unternehmerpreis Oldenburger Münsterland“ oder den großen Reit-Events der Region. Denn Iken ist begeisterter Reitsportler. Seine Frau Magdalena eine Grund- und Hauptschullehrerin, kommt von einem landwirtschaftlichen Betrieb in Pehmertange bei Friesoythe, die in Oldenburg geborenen Söhne Alexander und Robert studieren heute Jura und Wirtschaft. Iken und seine Frau haben auch ein Haus in Oldenburg. Dass beide eines Tages dort wieder einziehen könnten, gilt als durchaus wahrscheinlich.

Aber erst wird Iken noch eine Reihe von Jahren in den Agrar-Regionen rund um den Globus unterwegs sein. Saatgut, das an die jeweiligen Boden- und Klimaverhältnisse angepasst sei, bleibe ganz klar ein Wachstumsthema, und das sei „intelligente Landwirtschaft“, freut sich Iken. Unter der GmbH mit 70 Mitarbeitern (Schwerpunkt: Vermarktung) sind acht Auslandsgesellschaften sowie diverse Kooperationen angesiedelt – darunter auch eine in den USA, die sich mit Gentechnik befasst.

In Deutschland sei das kein Thema, betont Iken. „Wir sind Pflanzenzüchter“. Mit den traditionellen Mitteln der Zucht würden Eigenschaften von Pflanzen – Inhaltsstoffe wie Stärke und Öl, oder auch Verträglichkeiten – optimiert. Getestet wird auf eigenen Prüfstationen im In und Ausland – darunter in Cappeln (Kreis Cloppenburg). Am Ende einer acht bis zehnjährigen Züchtungsarbeit steht im Idealfall ein Test beim Bundes-Sortenamt und dann die Eintragung einer neuen Sorte.

Das sei ein „strategisches Geschäft“, sagt Iken. Denn die Anmeldung gelte bald auch weltweit. In Isernhagen wird deshalb aus allen Winkeln des Globus geordert. Aber auch regional. Der Roggen in Weser-Ems etwa geht zu mehr als 50 Prozent auf Rohstoffe der Saaten-Union zurück.

Das Unternehmen (180 Millionen Euro/ca 800 Mitarbeiter alleine in Deutschland) ist fast „stetig gewachsen“. Das Geschäft bleibe eine „spannende Angelegenheit“, schon wegen der Klimaveränderungen und der Herausforderungen durch die wachsende Erdbevölkerung. Und die Ergebnisse der Arbeit würden stets sichtbar. „Fährt etwa ein Lkw mit Saatgut von uns in eine bisher triste Gegend dieser Welt, blüht einige Monate später auf tausenden Hektar herrlich gelb der Raps unserer Gesellschaft Rapool“, freut er sich.

Rüdiger zu Klampen
Rüdiger zu Klampen Wirtschaftsredaktion (Ltg.)