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altstadtquartier Töpfer-Ofen aus dem Mittelalter entdeckt

JEVER - Christina Brünjes kniet auf dem Boden und schabt mit einem schmalen Spachtel vorsichtig Erde zur Seite. Nach und nach kommt eine Rundung zum Vorschein, schließlich ein ganzer Topf.

Die Mitarbeiterin des Archäologiebüros Archae-Nord legte am Dienstag die Überreste eines mittelalterlichen Brennofens frei. Die alte Ummantelung ist gut zu erkennen. In dem ehemaligen Ofen kamen mehrere fast vollständig erhaltene Töpfe zum Vorschein, davor stapeln sich Scherben. Warum die Gefäße in dem Ofen gelagert wurden, ist noch unklar. „Die Fundstücke werden freigelegt, gesichert, dokumentiert, gewaschen und dann dem Landesamt für Denkmalpflege zur Verfügung gestellt“, erklärt die Archäologin Daniela Nordholz. Ihr Unternehmen hat von der Stadt im Rahmen einer öffentlichen Ausschreibung den Auftrag erhalten, vor dem Bau des Altstadtquartiers in Jever die Baustelle auf Spuren und Fundstücke aus Jevers Vergangenheit zu durchsuchen.

Spannende Phase

Seit Mitte März arbeitet ihr Team an der St. Annen-Straße. Derzeit ist die Ausgrabung besonders spannend: Die Archäologen, Grabungstechniker und Grabungshelfer untersuchen die bis zu 3,5 Meter tiefe Baugrube für die geplante Tiefgarage und dringen dabei weit tiefer in den Boden vor als bei den Fundamentarbeiten in anderen Bereichen der Baustelle.

Nicht alles, was bei den Grabungsarbeiten zum Vorschein kommt, wird geborgen und erhalten. Mauerreste, Verfärbungen im Boden oder Brunnen werden dokumentiert, zeitlich zugeordnet und dann wieder zugeschüttet. Ein „Mantel“ aus Geotextil und Sand schützt die Funde. „Sie könnten jederzeit wieder freigelegt werden“, sagt Daniela Nordholz.

Anders sieht es mit einem alten gemauerten Brunnenschacht aus dem 16. Jahrhundert aus, der dem Tiefgaragenbau im Weg steht. Er wird nach der Dokumentation abgetragen. Nordholz geht allerdings davon aus, dass die historischen Formsteine gesichert werden können. „Letztendlich handelt es sich bei meinem Auftrag nicht um eine wissenschaftliche Ausgrabung, sondern um eine archäologische Notgrabung“, stellt Daniela Nordholz klar. Es müsse ein Kompromiss zwischen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Interessen gefunden werden.


Neben größeren Funden kamen im Boden des historischen Stadtkerns von Jever auch viele kleine „Schätze“ zum Vorschein, deren Entstehungszeit bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht – darunter Spielsteine, Haarspangen und sogar eine kunstvoll gearbeitete Tonpfeife. Ein echter Schatz – sprich Münzen oder Schmuck – war aber noch nicht dabei. Das Augenmerk der Archäologen gilt aber auch nicht so sehr schönem Geschmeide, sondern eher menschlichen Grundbedürfnissen: „Wir suchen noch nach Latrinen“, sagt Daniela Nordholz. Die seien für Archäologen immer sehr aufschlussreich.

Neue Erkenntnisse

Neue und tiefere Erkenntnisse erhofft sich die Archäologin auch von dem Töpferofen, den sie als besonderen Fund einstuft. Anhand der Überreste und vieler Vergleichsstücke aus anderen Grabungen könne zum Beispiel geklärt werden, ob es sich um eine lokale Werkstatt gehandelt hat, oder ob möglicherweise mit Töpferwaren aus Jever auch über die Stadtgrenzen hinaus gehandelt wurde. Außerdem könne der Fund Aufschluss geben über die Sozialstruktur der Menschen, die im Mittelalter an der St.-Annen-Straße gelebt haben. „In historischen Abhandlungen heißt es, hier habe die gehobene Schicht gewohnt“, berichtet Daniela Nordholz. Doch wer oder was verbarg sich dahinter? Dieser Frage werde sie nun nachgehen.

Bis Ende Juni werden die Grabungen noch dauern, dann kann mit den Bauarbeiten begonnen werden. „Wir liegen im Zeitplan“, betont Architekt Friedel Meyer, der die gute Zusammenarbeit mit den Archäologen lobt.

Christina Brünjes hat unterdessen einen weiteren Keramik-Topf aus der Erde geschält. Vorsichtig füllt sie die Erde mit der Hand in einen Eimer. Mit dem Ofen aus dem Mittelalter wird sie sich wohl noch länger beschäftigen.

zwischen St.-Annen-Straße und Gr. Wasserpfort­straße entstehen fünf Stadthäuser mit Wohnungen, ein Einkaufsmarkt, eine Senioren-Wohnanlage und eine Tiefgarage.

ist der jeversche Unternehmer Dr. Karl Harms. Investiert werden rund 20 Millionen Euro.

bezuschusst das Projekt mit rund einer Million Euro. Sie übernimmt auch die Kosten für die archäologische Ausgrabung. Deren genaue Höhe gibt die Stadt nicht bekannt. Vor der Ausschreibung war zunächst ein Kostenrahmen von 230 000 Euro im Gespräch (die

NWZ

  berichtete). Es ist anzunehmen dass das Ergebnis der Ausschreibung unter dieser Summe liegt.
Ulrich Schönborn
Ulrich Schönborn Chefredaktion (Chefredakteur)
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