JEVER - Stinkig, ewig schmutzige Fingernägel und den ganzen Tag ekeligen Kuhmist wegschieben – so stellte ich mir das Leben und Arbeiten auf dem Bauernhof vor. Das sollte ich eine Woche lang ausprobieren?
Erwartungsvoll, unkompliziert und freundlich wurde ich am ersten Tag begrüßt, obwohl ich hier bereits mit ansehen musste, wie der gesamte Arm meines Landwirts im Hinterteil einer Kuh verschwand. Während er mir erklärte, dass er gerade die Nachgeburt herausholen muss, um eine Entzündung bei der Kuh zu vermeiden, merkte ich, wie sich mir mein Magen zusammenzog.
Beim Gang durch den Stall wendeten sich 250 gehörnte Häupter in meine Richtung. Leise rasselten einige Ketten und ein lautes „Muh“ war hier und dort zu hören.
Neugierig waren die Wiederkäuer und nach ihrer Begrüßung bekamen sie meinerseits einige Streicheleinheiten. Nicht lange hielten sie still, denn sofort folgten sie ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Fressen. Ein Blick auf den Boden – Kuhmist in Massen – der musste weg. Ob per Mistforke oder mit einem „Aufsitzschieber“ – es ging kein Weg an dieser Arbeit vorbei.
Klauenpflege
Die Kuh „Bella“ verlor plötzlich den Boden unter den Hufen und bekam Angst. Mein Landwirt musste sie beruhigen und streichelte das Tier. Danach wurden einige Knöpfe gedrückt, breite Gurte wurden festgeschnallt, denn der Klauenpfleger war im Anmarsch. Zu seinem Handwerkzeug gehörten die Flex und eine Zange, mit denen die Klauen der Rinder gesäubert und geschnitten werden. „Die Kunst dabei ist, genau zu beurteilen, was weg muss und was bleiben muss“, erklärte er mir.
Viele Betriebe bestehen bereits seit mehreren Generationen, die oft auch zusammen leben und wo alle Familienmitglieder kräftig mit zupacken müssen. Nicht selten dauert ein Arbeitstag 17 Stunden. Frühmelken, Tiere beobachten, viele Büroarbeiten erledigen, Pfähle und Drähte setzen, Äcker bearbeiten, Tiere füttern und pflegen, Vertretergespräche führen, Tierarzt begleiten, Maschinen warten, Besamungstechniker bestellen und begleiten, Abendmelken – der Beruf ist vielseitig.
Ein besonderes Erlebnis war, als in der Woche des Praktikums ein Kälbchen geboren wurde und ich dabei sein durfte. Während der Geburt habe ich den Schwanz der Kuh festgehalten. Aufregung, Unsicherheit und Angst wechselten sich ab, aber der Stolz überwog, als das Kälbchen gesund und munter im Stroh lag.
Viel Vertrauen
Traurig hingegen war, als der Schlachter bestellt wurde, um eine kranke Kuh abzuholen, von der ich dachte, dass sie sich noch wieder erholen würde. Ich hatte sie doch ständig gestreichelt und ermuntert, wieder fit zu werden.
Toll fand ich, dass mir mein Landwirt so viel Vertrauen entgegengebracht hat, dass ich sofort mit seinem Trecker fahren durfte und ich mich in seinem neuen Kuhstall verewigen konnte – ich durfte helfen, die ersten Reihen zu mauern.
Alles in allem hat mir diese Woche sehr gefallen, obwohl ich, wenn ich nach Hause kam, nur noch geduscht und gegessen habe, um danach völlig müde und geschafft ins Bett zu fallen. Der Beruf des Landwirts wird nicht zu meinem Traumberuf zählen, aber ich habe großen Respekt und weiß nun genau, was ein Landwirt leistet, nicht nur körperlich, sondern auch in Bezug auf seine Freizeit – nämlich eine 7-Tage Woche zu haben, keine ruhigen Feiertage zu kennen, vielleicht keinen Urlaub zu machen und stets mit vielen nicht planbaren Gegebenheiten zu leben.
Frische Landluft durchsreifte mein Haar, als ich gestärkt von der frischen Milch – vielleicht von der Kuh mit der Nummer 41 – und dem letzten zünftigen Mittagessen, welches ich immer gemeinsam mit der Familie des Landwirts einnehmen durfte, den Hof verlassen musste – um viele Erfahrungen und Erkenntnisse reicher.
des Beitrags sind die Schüler der Klasse 8b der Hauptschule Jever. Sie haben am einwöchigen Projekt „Landwirtschaft zum Anfassen“ teilgenommen, das die Schule seit zwölf Jahren anbietet.
aus Friesland und Wittmund öffneten ihre Höfe für die Jugendlichen. Unterstützt wurde sie von Klassenlehrerin Kirsten Stratmann und Birgit Luiken vom Landvolkverein.
