Das Bündnis MUT spricht sich gegen weite Teile der Tierhaltung aus. Was sollen die Leute denn essen?
PapenhusenIch möchte klarstellen, dass wir nur gegen die industrielle Massentierhaltung sind.
Wie kann man diese denn von den bäuerlich-landwirtschaftlichen Ställen unterscheiden?
BehrensIndustriell gewerbliche Anlagen sind nicht an die jeweils vorhandene landwirtschaftliche Fläche gebunden. Die Betreiber haben Verträge mit Futtermittellieferanten, Arzneimittellieferanten und dem Kükenlieferanten, der auch die schlachtreifen Tiere abnimmt. So mancher ist nur noch Lohnmäster auf dem eigenen Hof und hat seine Unabhängigkeit verloren.
Aber was ist denn nun genau Massentierhaltung?
Poppe Einer Studie zufolge beginnt „Massentierhaltung“ für die Bevölkerung bei Geflügel von 5000, bei Schweinen von 1000 und bei Rindern von 500 Stück. Bei der Besatzdichte von Masthühnern sind bis zu 39 Kilo pro Quadratmeter vor Ausstallung erlaubt. Das sind 24 bis 25 Tiere a 1,6 Kilo auf der Fläche einer Duschtasse. Bei den Puten sind es sogar 50 Kilo pro Quadratmeter. Das ist Tierquälerei. Jeder weiß es, aber keiner macht was.
Wie soll denn Landwirtschaft ihrer Meinung nach aussehen?
BehrensEs geht darum, dass Landwirte Einnahmen erzielen mit einer Tierhaltung, die für die Tiere angemessen ist. Es geht um eine faire Bezahlung der Landwirte und den Schutz der Umwelt.
Poppe Unser Bündnis setzt sich uneingeschränkt für die bäuerliche Landwirtschaft ein. Ich zitiere Eckehard Niemann von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft: Die bäuerliche Landwirtschaft ist eine Landwirtschaft, die von Bauern und ihren Familien ausgeführt wird. Und die deshalb nachhaltig, flächengebunden und unabhängig ist – und nicht von Konzernen, Agrarindustriellen bzw. abhängigen Vertrags- oder Lohnmästern bestimmt wird.
Der Verbraucher kauft aber das billig produzierte Zeug aus dem Supermarkt. Wie wollen sie das ändern?
PapenhusenDer Verbraucher ist Teil eines Systems. Wenn wir etwas ändern wollen, brauchen wir einen gesellschaftlichen Systemwechsel. Der Verbraucher ist doch heutzutage dressiert von der Werbung. Aber es gibt gute Ansätze, dass sich doch etwas zum Positiven bewegt. Dazu trägt immer mehr die öffentliche Diskussion bei. Die Fleischindustrie soll sich warm anziehen, denn der Protest nimmt stärkere Formen an.
Sollte man also gar kein Fleisch mehr essen?
PoppeEs ist an der Zeit, über den Konsum von Tieren mehr nachzudenken. Vielleicht sollte analog zu den Warnungen auf Zigarettenschachteln auf Fleischverpackungen der Aufdruck stehen: Fleisch gefährdet ihre Gesundheit!
Wollen Sie den mündigen Verbrauchern etwa das Fleischessen verbieten?
PoppeNein. Aber wir sollten mit dem Fleischkonsum bewusster umgehen. Es muss nicht jeden Tag Fleisch geben, und wir sollten genau schauen, wo es herkommt. Wir müssen wieder zum Sonntagsbraten kommen, der etwas Besonders darstellt und auch seinen Preis hat. OppermannUnser Grundnahrungsmittel ist eben nicht Fleisch, sondern Obst, Gemüse, Brot...PapenhusenIch kann eher auf Fleisch aus industrieller Massentierhaltung verzichten als auf Trinkwasser.
Herr Papenhusen, Sie haben als Gastronom aber doch auch Fleischgerichte auf der Karte. Wo beziehen Sie Ihr Fleisch? Ist das alles ökologisch erzeugt?
OppermannDie Frage ist unfair...PapenhusenIch will es trotzdem beantworten. Zunächst muss ich feststellen, dass ich, seit ich mich intensiv mit dem Thema beschäftige, meine persönlichen Essgewohnheiten drastisch umgestellt habe. Den Wurstaufschnitt für mich persönlich zum Frühstück gibt es nicht mehr. Im Fleischbereich esse ich mehr Lamm, Wild oder auch schon mal Vegetarisches...
Aber Ihre Gäste?
PapenhusenIm Moment wird es mir noch nicht gelingen, meine Gäste zu 100 Prozent von meiner Lebensauffassung zu überzeugen. Komplett ökologisch kann man in einem Restaurant mit wenigen Plätzen hinkriegen, aber nicht in einem großen Betrieb. Eine Schubumkehr von heute auf morgen ist für einen Gastronomen betriebswirtschaftlich nicht möglich. Aber es gibt bereits gute Ansätze.
Die Hähnchenschlachterei in Ahlhorn ist ein Streitthema. Das trifft einen mittelständischen Unternehmer, der doch nur umsiedeln will. Warum sind Sie dagegen?
PoppeWenn Kreienkamp nur seine bisherige Produktion mit 30 000 Tieren täglich von Wildeshausen nach Ahlhorn verlegen würde, wäre das in Ordnung.BehrensAls das Thema im Gemeinderat anstand, dem ich angehöre, war noch nicht klar, welche Dimensionen das Vorhaben annimmt. Erst waren es 30 000 Tiere am Tag, dann 100 000 und dann sogar 220 000. Das ist zu viel.
Ihre große Befürchtung sind immer mehr Stallbauten in der Region. Das wird vom Investor abgestritten. Wer hat denn nun Recht?
OppermannWir gehen davon aus, dass weitere Ställe kommen werden – mit all ihren negativen Folgen für Mensch, Tier und Umwelt. Die Schäden durch die übermäßige Produktion in der Fleischindustrie sind enorm. Wir müssen die Natur schützen. Der Artenschwund ist schon jetzt dramatisch. Es werden Nahrungsketten zerstört, zum Beispiel bei den Bienen. Die Nitratwerte im Grundwasser steigen und steigen. Eines muss klar sein: Das Land gehört den Landwirten, die Natur gehört uns allen! Und die Natur muss geschützt werden. Es kann nicht sein, dass immer mehr Hähnchenfleisch produziert wird, obwohl der Markt längst gesättigt ist.
PapenhusenEs sind die enormen Folgeschäden, die uns Sorgen machen. Bis auf die Mäster, die kaum etwas verdienen, macht die Fleischbranche gigantische Profite. Das gesamte System schädigt die Natur. Warum werden von den Verursachern eigentlich keine Rückstellungen zur Behebung dieser Schäden verlangt.
Nicht nur die Natur, sondern auch die Menschen, die in der Fleischindustrie arbeiten, sind Ihr Thema?
PapenhusenWas die unwürdigen Werksverträge angeht, kann man nur noch von Käfighaltung bei Menschen sprechen, wenn man sieht wie die Billiglöhner zum Teil untergebracht sind. Sechs bis acht Betten auf engstem Raum, vermietet zu horrenden Preisen. So darf man mit Menschen nicht umgehen. Die Frage ist, inwieweit der Landkreis endlich handelt. Guckt er weg, macht er das weiter mit... – Für mich steht fest: Wer Fleisch aus dieser Produktionskette kauft, versündigt sich.
Im Zuge des Protestes gegen die Hähnchenschlachterei und Hähnchenmast kam es zu unschönen Vorfällen. Die Landwirtsfamilie Seeger erhielt ekelige Post, Ratsmitglieder sprachen von Drohanrufen. Wie steht das Bündnis MUT dazu?
PapenhusenWir verurteilen solche Aktionen und bedienen uns solcher Dinge nicht. Wir wollen eine sachliche und faire Auseinandersetzung. Wir würden uns damit nur schaden. In die derzeitige Diskussion passen deshalb auch solche Begriffe wie „Hähnchenkrieg“ und „Aggressionen“ nicht, wie sie in der Berichterstattung über unseren Protest schon mal auftauchten.

