Wildeshausen - Es ist jetzt rund zwei Wochen her, dass Michael Witten den Containerriesen CMA CGM Marco Polo verlassen und wieder festen Boden unter den Füßen hat, aber er sprudelt immer noch über von dieser ganz außergewöhnlichen Reise.
So viele neue Eindrücke, so viele neue Länder, so viele neue Menschen: 65 Tage lang reiste der Wildeshauser von Hamburg über China und Korea nach Kuala Lumpur in Malaysia. Immer neue Zeitzonen, Wetterwechsel von Gluthitze über Sandstürme bis zu sintflutartigen Regenfällen und eine gigantische Schiffstechnik, die Witten nicht nur beim täglichen Brückenbesuch hautnah erleben durfte.
Allein die Generatoren liefern Strom für eine Kleinstadt von 16 000 Einwohnern. Angetrieben wird der Gigant von der größten Maschine der Welt. Gebaut 2012 in Finnland, so groß wie vier Einfamilienhäuser und mit einer Leistung von 110 000 PS.
Technik, die begeistert
„Sehr beeindruckt haben mich auch die Containerhäfen mit ihrem vollautomatischem Geräteeinsatz und nicht zuletzt die Ankermanöver“, sagt Witten und verweist darauf, dass der Anker der Marco Polo mal eben 100 Tonnen wiegt. Deutlich anzumerken ist dem Wildeshauser aber auch der Respekt für die menschliche Leistung zum Beispiel der Ingenieure, die nicht mehr ölverschmiert, sondern mit Checklisten zur Überwachung des Systems ihre Arbeit tun, oder der Lotsen, die sich mutig vom Hubschrauber oder von kleinen Booten aus an Bord begaben.
Und noch etwas erstaunte den erfahrenen Segler: „Meistens war trotz Windstärke sieben und mehr von den meterhohen Wellen kaum etwas zu spüren.“ Hin und wieder schwankte aber auch die Marco Polo und dann rollte auch Witten in seinem großen Bett und musste sich beim Duschen festhalten.
Erstaunt hat ihn die Geschwindigkeit des Containerriesen, der auf See meist mit mindestens 19 Knoten unterwegs war, was mehr als 35 km/h entspricht. „Nur Fliegen ist schneller“, schwärmt der Wildeshauser.
An Service musste er bei seiner 65-tägigen Tour nichts missen und wurde bestens umsorgt von einem guten Koch und Stewart. Dennoch kam der 66-jährige nicht darum herum, sich von Mitpassagier und Single Thomas zeigen zu lassen, wie eine Waschmaschine funktioniert und wie man richtig bügelt.
Zufrieden war Witten auch mit seiner Kabine nach gutem Hotelstandard samt Sitzecke, Doppelbett und Fenstern – allerdings recht hoch gelegen. „Ich bin mindestens dreimal am Tag acht Treppen mit insgesamt 56 Stufen rauf und runtergerannt. Plus Fitnessprogramm im bordeigenen Studio und Schwimmen im Meerwasser-Pool hat mich das richtig fit gehalten“, schmunzelt er. Nach so viel Schinderei schmeckte dann auch das Seemannsfrühstück samt starkem Kaffee.
Ganz unterschiedlich gestalteten sich die Tage auf See: „Es gab ruhige ,Wasch-Bügel-Lese-Movie-Tage’, an denen selbst auf dem 60-Seemeilen-Radarumkreis absolut nichts zu sehen war und ich einfach nur das Wellenspiel, den freien Blick bis zum Horizont oder atemberaubende Sonnenuntergänge genossen habe“, erzählt Witten.
Meditative Phasen
Unterbrochen wurden diese fast schon meditativen Phasen von Tagen, „an denen richtig viel los war“. So zum Beispiel als in Le Havre 7000 Tonnen Schweröl aufgenommen wurden, was bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 320 Tonnen für 22 Tage reichte, oder als das Schiff bei bestem Wetter die Straße von Gibraltar passierte, wo zwei Kontinente sich begegnen.
„Faszinierend zu beobachten war auch die schwerfällige Passage im Konvoi durch den 171 km langen Suez-Kanal“, ergänzt er und weiter: „Während dieses Reiseabschnitts war es mit um die 36 Grad nicht nur brennend heiß, sondern durch den Wüstensand betrug die Sicht auch weniger als zwei Meilen.“
Das änderte sich schnell im Golf von Aden, wo zum Glück auch keine Piraten in Sicht waren. Die angespannte Lage habe man jedoch deutlich daran bemerkt, dass der E-Mail-Empfang nur noch eingeschränkt möglich war, die Wache den Ausguck intensivierte und das Radar erst recht nicht aus den Augen gelassen wurde. „Im Übrigen hieß es stets: Für einen Angriff ist dieses Schiff zu schnell und zu hoch“, sagt Witten.
Eine Enttäuschung gab es für ihn in Khor Fakkan (Arabische Emirate): Aus unerfindlichen Gründen durfte er das Hafengelände nicht verlassen. Also ging es ohne Landgang weiter nach Yantian. „Unterbrochen wurden diese 17 Tage auf hoher See aber immer wieder von Geselligkeiten wie zum Beispiel der Geburtstagsfeier des Kochs, bei der ich die überwiegend philippinische Besatzung kennenlernen konnte“. Das war dem Wildeshauser sehr wichtig, zumal die 32 Besatzungsmitglieder anfangs sehr zurückhaltend gewesen seien.
Gelegenheit zum Austausch boten auch Grillpartys und das beliebte Karaoke-Singen. „Bei „Wind of Chance“ habe ich alles gegeben“, schmunzelt Witten.
Auch eine Rettungsübung samt Abstecher in den Piratenschutzraum unterbrach die tägliche Routine – nicht erstaunlich bei der allgegenwärtigen Gefahr auf der Reise. „Auf der Seekarte war zum Beispiel auf dem Wendekreuz vor Singapur ein bewaffneter Überfall auf ein Cargo-Schiff vom 9. August eingetragen“, berichtet Witten.
Vorsicht geboten
Für Beeinträchtigungen sorgte auch die bereits einige Zeit zurückliegende Detonation eines Lagerhauses in Tianjin, bei der die Luft durch extrem giftige Chemikalien verpestet wurde. „Alle, die draußen arbeiteten, mussten eine Maske tragen, Fenster und Schotten blieben geschlossen, und der Landgang fiel aus“, resümiert der Wildeshauser. Immer wieder musste der Containerriese auch aufpassen, nicht mit kleinen Fischerbooten zu kollidieren, die sich um das internationale Regelwerk auf See wenig scheren.
Und Heimweh? Eigentlich kein Thema für den Wildeshauser, auch wenn die Sehnsucht nach Ehefrau und Hund oft groß war. Doch es gab ja Zugang zum Schiffs-Intranet. „Für die Datenübertragung zahlt man pro MB 10 Cent. Viber-Telefonate sind sogar unentgeltlich“, berichtet Witten.
In Port Kelang stand für den Wildeshauser schließlich zusammen mit vier Besatzungsmitgliedern das Verlassen des Schiffes an. Zuvor hatte er es jedoch nicht versäumt, dem Kapitän einen Dankesbrief zu schreiben. Dieser Abschiedsgruß bescherte ihm sogar noch einen Drink an der Bar im Offizierskasino. „Na bitte, geht doch!“, kommentiert Witten verschmitzt.
Ganz wichtig für sein ausgeglichenes Seelenbild an Bord sei die Selbstbestimmbarkeit über den Tagesablauf gewesen – frei zu sein von Uhrzeiten und News jeglicher Art und sein wichtigstes Element – das Wasser – immer in der Nähe wissend, resümiert der 66-Jährige.
Mehr den Augenblick leben möchte er jetzt auch in der Heimat. Und vielleicht ab und zu mal einen Multimedia-Vortrag halten über diese wirklich einzigartige Weltreise, die bei ihm selbst endete.
