Delhi/Cloppenburg - Per Gesetz ist das Kastensystem in Indien schon seit 65 Jahren abgeschafft. In den Köpfen der meisten Menschen existiert es aber weiter – das erfahre ich während meiner Zeit in Indien Tag für Tag. Flache Hierarchien, wie sie in Deutschland immer häufiger thematisiert werden, sind hier undenkbar.
Seit 1948 ist das Kastensystem eigentlich offiziell verboten, doch noch heute erzählen mir Inder immer wieder, welcher Kaste sie angehören. Staatliche Maßnahmen wie die Einführung einer Quote, die einen Mindestanteil an „Unberührbaren“ in rund der Hälfte aller staatlichen Jobs festsetzten, haben sicherlich zu einer Verbesserung der Situation geführt. Zumindest beruflich werden die Unberührbaren, die als niedrigste Gruppe außerhalb des Systems stehen, teilweise gleichgestellt.
Alte Verhaltensmuster
Was der Staat indes nicht verändern kann, ist das Bewusstsein der Menschen und ihr Verhalten. War ich am Anfang meines Aufenthaltes in Indien noch überrascht, wie wenig vom alten System übrig schien, ist mir die starke Hierarchisierung mit der Zeit bewusster geworden. Oft äußert sie sich in der Sprache: Wie wird jemand angesprochen?
Respektspersonen sind grundsätzlich ein „Sir“ oder eine „Madame“. Nach ihnen folgen „Onkel“ und „Tante“. Bei diesen ersten vier Anredeformen kann die Höflichkeitsform „ji“ hinzukommen. Übertroffen wird sie nur noch durch das Berühren des Fußes der Respektsperson. Schüler haben mir so auch schon ihre Anerkennung gezeigt.
Ich bin meistens ein „Sir“. Generell wird mir aufgrund meiner Hautfarbe trotz meines jungen Alters sehr viel Respekt entgegengebracht. Zwar stehe ich wie die ebenfalls hoch angesehenen Anhänger des Sikhismus, einer religiösen Abspaltung des Hinduismus, außerhalb des Kastensystems, das jedoch meistens nicht im negativen Sinne. Vom Erlebnis anderer Weißer, mit denen nicht gesprochen wurde, weil man sie als Außenstehende betrachtete, habe ich nur gehört.
Doppeldeutig
Für all diejenigen, für die ich nicht ein „Sir“ bin, bin ich ein „Bruder“. Diese Bezeichnung kann ein gutes Verhältnis zwischen Personen bedeuten oder aber eine nicht so hohe hierarchische Stellung des Angesprochenen. So sind die Rikscha-Fahrer, die im Kastensystem unten stehen, generell „Brüder“. Noch offensichtlicher werden die starren Hierarchien bei Gesprächsrunden, bei denen nur einige Personen auf Stühlen sitzen und die anderen auf dem Boden.
