Hemmelsberg - „Hier bin ich“, aus dem dämmerigen Flurlicht tritt eine rundliche Frau in den besten Jahren hervor, lacht freundlich und drückt die gusseiserne Türklinke neben sich runter.
„Der Gastraum“, sagt Gertrud Kähler geschäftig, wie eine Touristenführerin. Als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Hat sie eigentlich auch nicht. Seit 51 Jahren bewirtet die Hemmelsbergerin die Gäste der Wirtschaft „Zur Mühle“. Ein Urgestein: Angefangen hat sie damals als junges Mädchen: Kochen, klönen, Bier zapfen, Betten machen, Feiern ausrichten, Trinkgeld kassieren und für Stimmung sorgen. Eben alles, was eine echte Wirtin zu tun hat. 14 Jahre war sie alt, als ihre Mutter sie zum ersten Mal in der Gaststätte einsetzte. Und seit deren Tod vor 31 Jahren ist Gertrud Kähler die Chefin hinter der Theke.
Die „Mühle“ gibt es aber schon viel länger: 75 Jahre. Am 4. Mai feiert die fünffache Großmutter Geschäftsjubiläum. Eingeladen sind alle Stammgäste, von denen es reichlich gibt. Kalle zum Beispiel. Der 57-Jährige bekommt jeden Tag sein Feierabendbierchen von Gertrud Kähler serviert. Schon so lange sie zurückdenken kann.
Über die Geschichte der „Mühle“ kann die Hemmelsbergerin mehr erzählen, als ihre Zuhörer Bier trinken und nicken können: Vom einstigen Sägewerk auf dem alten Gelände, dem Krieg und der Zeit, als hier noch Korn gemahlen wurde. Einst traditionell, später elektronisch und schließlich gar nicht mehr. Dann kam das Wirtschaftswunder und mit ihm Arbeiter. Große Kaufhäuser wurden gebaut. Und die Autobahn wies den Weg in eine neue Zukunft. Emma, die Mutter der 65-Jährigen, entschloss sich als zweifache Witwe die Kneipe in ein Gasthaus zu erweitern. 30 Betten vermietete die Familie zu den Hochzeiten in den 70er Jahren.
Das ist jetzt lange vorbei. Die vier verbleibenden Zimmer bieten noch immer Unterschlupf für Gastarbeiter, bei kleinen Vereinsfeiern stellt Gertrud Kähler sich an den Herd und brutzelt Schnitzel mit Bratkartoffeln, in dem „großen Saal“ werden kleinere Kohlfahrten ausgerichtet. Bier und Schnäpse für die „bekannten Pappenheimer“ gibt es ab abends. „Zu mehr“, sagt die Hemmelsbergerin, „bin ich aber inzwischen auch nicht in der Lage. Mit Mitte 60.“
Genau wie ihre Mutter schmeißt sie den gesamten Betrieb alleine. Hin und wieder packt die älteste Tochter mit an. Und manchmal hilft Günther Eymers seiner kleinen Schwester. Der 77-Jährige kann sich noch an die Zeit erinnern, als sein Vater, der Müller, hier säckeweise Haferflocken produziert hat. Der Huder hat seine Kindheit auf dem Hof zwischen Kühen, Ferkeln, Feldern und dem drehenden Mühlenrad verbracht. Anders als Gertrud Kähler ist er nicht geblieben. Wie die übrigen Geschwister zog er eines Tages aus, sein eigenes Glück zu suchen. Ein gemeinsames Wiedersehen gibt es an jedem Weihnachten. Da trifft sich die ganze Familie im Clubraum. Zu der gehören auch einige treue Gäste. Für einsame Seelen hat Gertrud Kähler immer geöffnet, die „Mühle“ kennt keine Ruhetage.
Anstrengend sei das schon, gibt die 65-Jährige zu – „aber ich gehöre hierher.“ Dann zeigt sie in die Ecke des Raumes, wo ein Sessel mit verblichem Blümchenpolster steht. „Hier bin ich geboren.“ Eigentlich erklärt das schon alles. Weil die Wirtin aber von Kindesbeinen an das Reden gewohnt ist, erzählt sie von ihrer Mutter, die bis zuletzt hier die Oberhand hatte. Mit 77 Jahren und im Rollstuhl sitzend.
„An ihrem letzten Abend, sollte ich sie noch einmal durch alle Räume schieben. Als hätte sie es geahnt“, erzählt Gertrud Kähler. Als Frau der Tat bläst sie jedoch nicht lange Trübsal, klappt stolz ihr „Herzstück“ – eine Jukebox – auf und fördert eine Vinylsingle zutage. „Da sind alle ganz wild drauf“, lacht sie, „aber die bleibt hier. Genau, wie ich.“
Im Gegensatz zur Musikbox gibt es keine glühenden Erbanwärter für die „Mühle“. Als Kinder einer Gastwirtin mit wenig Zeit fürs Familienleben will der Nachwuchs nicht in die Fußstapfen der Mutter treten. Also tut Gertrud Kähler, was sie immer getan hat: weitermachen. „So lange es geht.“
Und dann? „Wenn ich nicht mehr bin, wird die ,Mühle’ auch nicht mehr sein“, sagt sie schulterzuckend. Bis dahin wird sie Tag für Tag jeden Gast mit einem fröhlichen „Hier bin ich“ empfangen.
