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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft

Israels Wunderkühe weltweit vorn

12.02.2019

Kfar Vitkin Die schwarz-weiß gefleckten Wunderkühe stapfen träge durch den Dreck, stehen herum oder fressen. Das Wellblechdach des offenen Stalls schirmt die Tiere von der Sonne ab. Ventilatoren sorgen für angenehmen Wind. „Wir wollen die Kühe glücklich machen“, sagt Peleg Orion, Landwirt aus Kfar Vitkin, einem Dorf in Israels Norden. „Erst wenn sie glücklich sind, geben sie uns auch Milch.“

Israelische Kühe produzieren im Schnitt weltweit die meiste Milch – rund 13,2 Tonnen pro Jahr, wie die Vereinten Nationen sagen. Die deutsche Durchschnittskuh hinkt da weit hinterher: Sie gibt rund 7,8 Tonnen Milch.

Fütterung, Haltung, Züchtung: Fachleute in Deutschland zeigen sich beeindruckt vom israelischen System. Sie betonen aber, dass es nicht einfach so auf Deutschland übertragbar ist – zumindest nicht überall.

Rund 700 Milchkühe hält Landwirt Orion mit sechs weiteren Bauern. Sie haben acht Angestellte, die die Tiere in drei Arbeitsschichten drei Mal am Tag melken lassen, wie Orion erzählt. Jeder Melkvorgang dauere sechs, sieben Minuten. 32 Kühe könnten parallel an die Melkmaschinen angeschlossen werden.

Jedes Tier trägt einen Transmitter am Bein. Damit werde elektronisch erfasst, wie viel Milch es gibt, wie viel sie sich bewegt, wie die elektronische Leitfähigkeit der Milch ist, sagt Orion. Die Leitfähigkeit könne Hinweise auf Krankheiten liefern, aber auch auf den Eisprung der Kuh. Einmal im Monat schickt der Betrieb von jedem Tier eine Milchprobe ins Labor, um den Fett- und Proteingehalt kontrollieren zu lassen.

Der Deutsche Bauernverband bestätigt das flächendeckend hohe Niveau der israelischen Milchviehbetriebe. „Die israelische Milchwirtschaft ist hochprofessionell und das über alle Bereiche hinweg“, sagt Milchexperte Ludwig Börger. In Deutschland gebe es allerdings viel mehr Milchviehbetriebe: 62 000 mit 4,1 Millionen Kühen. In Israel sind es dagegen etwa 760 mit rund 120 000 Tieren.

Zudem seien die deutschen Betriebe deutlich heterogener organisiert, sagt Börger: Gerade in Ostdeutschland hätten manche Großbetriebe mehr als 1000 Kühe und seien mit Israel vergleichbar organisiert. Dagegen gebe es im Süden und Westen Deutschlands oft kleinere Höfe.

Noch wichtiger sei allerdings ein anderer Unterschied: Israel sei ein abgeschotteter kleiner, staatlich regulierter Milchmarkt. In Krisenzeiten müsse die Selbstversorgung weitgehend gesichert sein. Die hohen Produktionskosten, etwa durch den Import von viel Kraftfutter, würden durch hohe Verkaufskosten gedeckt. „Deutschland ist dagegen durch die politischen Weichenstellungen zunehmend im weltweiten Milchmarkt integriert“, sagt Börger.

Einen weiteren Grund für den israelischen Erfolg sieht Avschalom Vilan, Chef des Israelischen Bauernverbands (IFF), in der Fütterung. In Westeuropa, etwa in Deutschland oder Frankreich, stünden viele Kühe sechs Monate auf der Weide und fräßen im Winter nur ein paar Monate Kraftfutter. „In Israel gibt es kein Gras ohne künstliche Bewässerung, und zweitens ist es sehr heiß“, sagt Vilan. Kühe stünden stets im Stall. Rund 70 Prozent des Futters seien Kraftfutter, etwa aus Soja, Weizen und Maissamen. Rund 30 Prozent seien Silage oder Heu.

Der hohe Anteil von Kraftfutter könnte laut Martina Hoedemaker von der Tierärztlichen Hochschule Hannover allerdings auch zu Problemen führen. „70 Prozent Kraftfutter und 30 Prozent Silage sind für Wiederkäuer eine grenzwertige Ration“, sagt die Direktorin der Klinik für Rinder. Entscheidend sei, dass das Futter gut gemischt sei. Die durchschnittliche Lebenszeit der israelischen Milchkuh von fünf oder sechs Jahren sei allerdings mit der von deutschen vergleichbar.

Nach dem Israeli Vilan ist für den Erfolg der israelischen Kühe auch die Züchtung entscheidend. „Von Anfang an gab es eine starke Verbindung zwischen den Farmern und der Forschung“, sagt er. Etwa in den 1920er Jahren waren die ersten Kühe demnach eine Kreuzung aus einer viel Milch gebenden niederländischen Kuh und der syrischen Damaskus-Kuh – die an das Klima mit großer Hitze und Trockenheit gewöhnt war.

Die in Israel lebenden rund 120 000 Kühe gehörten laut Israelischem Bauernverband zur Rasse Holstein-Friesian-Israeli. Die Daten jeder Kuh werden zentral erfasst – und entsprechend für die Züchtung in jedem der rund 760 landwirtschaftlichen Betriebe ausgewertet. Die Betriebe gehören zu Gemeinschaftssiedlungen. Die Größeren haben im Schnitt rund 300 Kühe, die Kleineren 80 bis 100.

Matthias Schick, Professor für Agrartechnik an der Universität Hohenheim, lobt das israelische System – unter anderem die Haltung im offenen Stall. „Da kann sich die Kuh hinlegen wie sie will, wie auf der Weide“, sagt Schick. In Deutschland sei sie im Stall entweder angebunden oder in einer Liegebox, eingeschränkt in ihrer Bewegungsfreiheit. „Das ist das I-Tüpfelchen“, sagt Schick. „In Deutschland geht es den Kühen auch gut, in Israel geht es ihnen bezüglich der Haltungsform aber sogar ein kleines bisschen besser.“

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