Im Nordwesten/Essen - Elektrofahrrad-Boom und kein Ende in Sicht: In der neuen Saison setzt die Branche auf neue Zielgruppen. Nun soll das Rad mit Motor-Unterstützung als Sportgerät für Mountainbiker, Lastesel für Transporte und gar als Fahrzeug für Kinder zum Einsatz kommen. Auf deutschen Straßen sind nach Schätzungen schon rund drei Millionen motorisierte Räder unterwegs. „Das E-Bike ist längst kein Seniorenfahrrad mehr“, sagt Torsten Abels, Projektleiter der Düsseldorfer Messe „Cyclingworld“.
Die Fahrradhersteller profitieren stark vom Trend zum Elektroantrieb. 2015 hatte die Branche laut Zweirad-Industrie-Verband ein Umsatzplus um zwölf Prozent auf 2,42 Milliarden Euro verbucht. Experten gehen von einem Anstieg des E-Bike-Anteils aus – wie schon in den Jahren zuvor. So war von rund 4,35 Millionen im Jahr 2015 verkauften Rädern schon etwa jedes Achte ein Elektro-Fahrrad.
Ein neues E-Bike für Kinder feierte bereits ab Donnerstag bei der Essener Fahrradmesse (bis 19. Februar) Premiere. Nach der Idee von Entwickler Robin Krichel soll das Rad den Familienfrieden bei gemeinsamen Ausflügen sichern, wenn die Eltern mal wieder motorisiert davonbrausen. Sportbegeisterte Familien müssen dafür jedoch bei Preisen zwischen 1750 Euro und 3500 Euro viel Geld ausgeben.
„Nein, wir haben keine E-Bikes für Kinder“, sagt Arne Sudhoff, Pressesprecher der Derby Cycle Holding GmbH mit Sitz in Cloppenburg, auf Nachfrage der NWZ. „Wir vertreiben unsere Räder nur über Fachhändler und bekommen so viel Feedback.“ Die Forderung nach E-Bikes für Kinder habe es noch nicht gegeben. „Es wird nicht nachgefragt.“ Und bleibe wohl eher eine Nische. Das führt Sudhoff auch auf die relativ hohen Preise zurück. Es werde eher keinen großen Markt geben, sagt der Sprecher. „Aktuell sind E-Bikes für Kinder nicht in der Planung.“
Ähnliche Erfahrungen hat Erwin Martens, Geschäftsführer der Heinrich Munderloh GmbH & Co. KG, die in der Oldenburger Innenstadt Fahrräder verkauft. „Hier im Norden, im Flachland, ist das etwas anderes als in den Bergen“, sagt er zu den Kinder-E-Bikes. Es gebe keine Nachfrage – eventuell auch wegen des Preises, der oft bei rund 2000 Euro liege.
Bei Zweirad Stückemann in Rastede steht bereits ein E-Bike für Kinder – darauf gefahren ist jedoch noch niemand. „Es gibt noch keinen Markt“, meint Geschäftsführer Horst Stückemann. Im Unterschied zu den Erwachsenenrädern schalte ein Kinder-E-Bike bei 20 Kilometern pro Stunde ab: „Die meisten Eltern sagen, dass ihre Kinder normal treten können“, weiß Stückemann. Nur: Wenn es E-Bikes gebe, würden Kinder eventuell wieder selbst zur Schule fahren und müssten nicht mit dem Auto gebracht werden.
Und auch Stephanie Krone vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) sieht die Entwicklung kritisch. „Für den Alltag halten wir das für keine gute Idee“, meint sie. Sinnvoll könne ein solches Rad allenfalls bei längeren Touren im Urlaub sein. Wichtig für Kinder sei Bewegung, gerade im Alltag.
