Der Winter ist fast vorbei. Können Sie eine Gasmangellage ausschließen?
Klaus MüllerDie Gasspeicher sind zu 64 Prozent gefüllt. Selbst wenn es in den nächsten Wochen noch einmal richtig kalt werden sollte, ist die Versorgung dank der Speicher gesichert. Wir haben es geschafft, für diesen Winter schließen wir eine Gasmangellage endgültig aus.
Was sind die Gründe?
MüllerUnternehmen und Haushalte haben ordentlich gespart, dafür gebührt ihnen großer Dank. Die Nachbarländer haben deutlich weniger Gas aus Deutschland importiert, andere haben viel geliefert. Wir haben rasch LNG-Terminals aufbauen können, vor allem der milde Winter hat uns sehr geholfen. Aber darauf dürfen wir uns nicht ausruhen. Im nächsten Winter kann das anders aussehen.
Was sind die größten Risiken für den nächsten Winter?
MüllerDas größte Risiko ist das Wetter. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass der nächste Winter wieder so mild wird. Bei Kälte hören viele Haushalte sofort auf zu sparen. Im warmen Oktober haben sie mehr als 20 Prozent Gas eingespart, im kalten Dezember nur noch sieben Prozent. Die weitere große Unbekannte ist China: Wenn Chinas Konjunktur nach der Coronakrise wieder anspringt, wird die Gasnachfrage deutlich steigen. Was aus Russlands verbleibenden Gaslieferungen wird, wissen wir nicht.
Wie viel Gas liefert Russland denn heute noch?
MüllerEs kommt kein Pipeline-Gas mehr nach Deutschland. Doch Russland liefert noch in Länder wie Österreich und Ungarn. Ein Teil des Gasbedarfs in Europa wird also weiterhin durch Russland gedeckt. Das ist nicht verboten, die EU hat russische Gaslieferungen nicht sanktioniert.
Auch Gaslieferungen durch Nord Stream waren nicht sanktioniert. Sollte man die Pipelines, die durch einen Anschlag zerstört wurden, wieder reparieren? Eon hält das technisch für machbar.
MüllerDie Ermittlungen zu dem Anschlag laufen. Im Übrigen hat die Netzagentur nicht über die Zukunft der Pipeline zu entscheiden.
Wie sieht denn das Worst-Case-Szenario der Netzagentur für den Winter 23/24 aus? Ist danach eine Gasmangellage möglich?
MüllerWir können eine Gasmangellage für den nächsten Winter nicht ausschließen. Risikofaktoren sind, dass der Winter 2023/24 sehr kalt wird, dass Haushalte und Firmen zu wenig sparen, dass die LNG-Terminals nicht wie geplant arbeiten – zudem müssten wir unseren Nachbarländern bei Problemen aushelfen. Bereits im Frühjahr und Sommer können wir vorsorgen, indem die Speicher wieder so gut befüllt werden wie im letzten Jahr.
Dann muss die Netzagentur womöglich doch Unternehmen abschalten. Gibt es dann eine Liste?
MüllerNein, auch für den nächsten Winter wird es keine starre Abschalt-Reihenfolge geben, weil viele Parameter eine Rolle spielen. Bei einer Mangellage geht es immer um Einzelfall-Entscheidungen. Wir haben aber in dieser Woche eine Studie veröffentlicht, die die einzelnen Wirtschaftsbereiche genauer unter die Lupe nimmt und eine gute Indikation gibt, in welchen Branchen kleinere Unternehmen, die für den lebenswichtigen Bedarf elementar sind, nicht mit Reduzierungen rechnen müssten.
Mit welchem Speicherstand müssen wir aus dem Winter rausgehen?
MüllerWenn wir am 1. Mai noch deutlich über 50 Prozent in den deutschen Gasspeichern haben, wäre ich froh. Je mehr Gas in den Speichern liegt, desto besser wird es uns gelingen, sie über den Sommer zu füllen, obwohl wir kein russisches Pipelinegas mehr bekommen.
Am 15. April werden die letzten drei Atommeiler in Deutschland abgeschaltet. Sollte man sie länger laufen lassen, um zu verhindern, dass wir kostbares Gas verstromen?
MüllerZum Thema Atomausstieg hat der Bundeskanzler alles gesagt. Wir haben Gas verstromt, um unseren französischen Nachbarn zu helfen, als diese große Probleme mit ihren Atomkraftwerken hatten. Doch Frankreich tut alles, damit seine Meiler laufen. Und Deutschland hat alle Kohlekraftwerke am Netz.
Aber ist der Atomausstieg ökonomisch richtig?
MüllerFür die Netzagentur gilt das Wort des Kanzlers.
Was können wir tun, um eine Mangellage im nächsten Winter zu verhindern?
MüllerJetzt sparen! Wir sollten nun das tun, was die Gaskommission empfiehlt: Versorger müssen die Kunden zeitnah über ihren Verbrauch und ihre Kosten informieren. Regelmäßige automatische Mails – das kann große Sparanreize bringen. Die Industrie braucht Unterstützung für ihre Transformation. Zudem müssen wir die Speicher füllen und alle LNG-Terminals sollten starten.
Umweltschützer sehen das kritisch und warnen vor Überkapazitäten.
MüllerWir brauchen eine Redundanz und wir dürfen nicht nur an uns denken, wir bauen die Terminals auch für unsere Nachbarn, die nun mal keinen Meerzugang haben. Das ist europäische Solidarität. Wir schließen eine Art Versicherung für kalte Winter in Mitteleuropa.
Wirtschaftsminister Habeck will ab 2024 den Einbau von Gasheizungen verbieten, um Gas zu sparen. Guter Plan? Wärmepumpen haben eine schließlich eine Lieferzeit von 15 Monaten.
MüllerBei privaten Haushalten gibt es große Potenziale, Gas zu sparen, die Zeit für Gasheizungen läuft ab. Darum hat die Ampel im Koalitionsvertrag festgeschrieben, dass zum 1. Januar 2025 jede neu eingebaute Heizung auf der Basis von 65 Prozent erneuerbarer Energien betrieben werden soll. Nun warten wir den Gesetzentwurf ab.
Die wichtigste Alternative zu Gasheizungen sind Wärmepumpen. Sind unsere Stromnetze dafür überhaupt gerüstet, zumal immer mehr Elektroautos Strom benötigen?
MüllerFür die großen Transportnetze sind diese Strommengen eine zusätzliche Aufgabe. Der Netzausbaubedarf hier wird nicht kleiner. Aber die echte Herausforderung mit diesen Verbrauchern haben manche Verteilnetze bei den Menschen vor der Haustür. Denn heizen wollen alle gleichzeitig. Und Elektroautos werden möglicherweise auch alle gleichzeitig geladen, wenn die Menschen von der Arbeit nach Hause kommen. Und das kann den Trafo um die Ecke oder die Leitungen im eigenen Viertel stark belasten.
Und wenn es eng wird, klemmt die Netzagentur Wärmepumpen und Ladesäulen für E-Autos ab?
MüllerWir wollen Überlastungsproblemen im lokalen Stromnetz vorbeugen. Und dabei ist ganz klar, dass Verbraucher nicht abgeklemmt werden dürfen. Nur wenn der lokale Netzbetreiber eine Gefahr für die Netzstabilität nicht anders abwenden kann, kann er die Leistung vorübergehend dimmen. Er darf Wärmepumpen und Ladesäulen aber nicht ganz abschalten.
Kommen wir von den Molekülen zu den Preisen. Wie geht es bei den Gaspreisen weiter?
MüllerDie Großhandelspreise für Gas, die im Spätsommer auf über 300 Euro pro Megawatt gestiegen waren, sind auf um die 50 Euro gefallen. Das ist weit mehr als im Jahr 2021, doch die neue Normalität. Wir müssen uns an höhere Preise gewöhnen, die Zeit der billigen Energie aus Russland ist endgültig vorbei.
Was bedeutet das für die Wirtschaft? Drohen nun Millionen Arbeitsplätze bei der energieintensiven Industrie verloren zu gehen?
MüllerDauerhaft höhere Preise erfordern, dass die Unternehmen effizienter werden. Hier haben viele Fortschritte gemacht. Die Unternehmen werden sich weiter anstrengen müssen. Industriestrom-Angebote können dabei helfen.
Von den gefallenen Großhandelspreisen kommt bei Verbrauchern aber nichts an. Missbrauchen Stadtwerke ihre Macht?
MüllerWir bekommen viele Beschwerden von Verbrauchern, die die hohen Preise ihres Versorgers kritisieren. Verbraucher haben ein Sonderkündigungsrecht, wenn die Preise erhöht werden. Und wenn Unternehmen die Rechte der Verbraucher verletzen – so wie bei Voxenergie und Primastrom letztes Jahr – kann die Bundesnetzagentur dagegen vorgehen. Das Bundeskartellamt wiederum wacht darüber, dass Lieferanten die Preisbremsen nicht missbrauchen.
Wann werden sich die Gaspreise für Verbraucher entspannen?
MüllerEs dürfte noch sechs bis zwölf Monate dauern, bis die Senkung der Großhandelspreise für Gas und Strom auch bei den Haushaltskunden ankommen. Das liegt an der Laufzeit der Verträge und an der Einkaufsstrategie der Unternehmen. Viele Versorger haben auch die Preiserhöhungen nicht sofort weitergegeben. Wir erwarten aber von den Unternehmen gleichzeitig, dass Preissenkungen auch ankommen. So billig wie 2021 wird es allerdings nicht mehr werden.
Der Eon-Chef kritisiert, dass nun Billiganbieter auf den Markt drängen, die die Kunden schon einmal haben hängen lassen wie Stromio.
MüllerPreiswettbewerb ist gut und im Interesse der Verbraucher. Aber natürlich müssen die Anbieter seriös arbeiten. Wenn wir Anbietern nachweisen können, dass sie sich nicht an die energiewirtschaftlichen Regeln halten, gehen wir dagegen vor.
