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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft

Schlichtheit ist der neue Schick

16.01.2018

Köln Ein Tisch – das sind eigentlich nur eine Platte und vier Beine. Und ein Stuhl besteht in seiner einfachsten Variante aus ebenfalls vier Beinen, einer Sitzfläche und ein paar Streben. Wofür braucht es mehr? Auf diese Frage konzentrieren sich viele Designer bei ihren Möbelneuheiten, die seit Montag auf der Internationalen Einrichtungsmesse IMM Cologne in Köln (bis 21. Januar) zu sehen sind. Was sie zeichnen, entwerfen und bauen, scheint auf das Allernotwendigste reduziert.

Es fehlen Schnörkel, Dekorationen und Extras. Möbelbau wie im Mittelalter? Nun gut, etwas Hightech für bequemes Ausziehen oder Verstellen ist natürlich noch dabei. Und die Trendanalystin Gabriela Kaiser bemerkt: „Wenn Opulenz durchkommt, dann durch Stoffe wie Samt in Juwelenfarben.“

Ein Esszimmer-Stuhl mit flexibler Rückenlehne Foto: Oliver Berg/dpa
Ein Sofa in der Modefarbe oliv Foto: Oliver Berg/dpa
Ein Boxspring-Bett mit Luftzirkulation Foto: Oliver Berg/dpa
Eine Badewanne aus Stahl und Stoff Foto: Oliver Berg/dpa

Dennoch lässt sich aktuell in der Möbelbranche von einem „Trend zur neuen Schlichtheit“ sprechen, erklärt Markus Majerus, Sprecher der Koelnmesse. Dahinter stecken drei Motive der Designer. „Zum einen ist das ein Weg, der Wohnungsknappheit entgegenzuwirken“, erklärt der IMM-Trendexperte Frank A. Reinhardt.

Zum anderen erkennt er aktuell einen „neuen Push“ für das skandinavische Design, das schon seit Jahren beliebt ist. Diese Möbel sind sehr reduziert und einfach gehalten. Und da ist das Thema Nachhaltigkeit. „Es geht nicht mehr darum, auch noch den 100. Stuhl zu entwerfen, sondern nachhaltige Produkte“, sagt Reinhardt. Schlichte Möbel haben eher eine Chance, länger auf dem Markt zu bestehen. Vielleicht sogar zum Klassiker zu werden, der noch viele Jahrzehnte produziert und immer wieder von Fans nachgekauft wird.

Zeitlose Möbel

Viele dieser zeitlosen Möbel, die optisch betrachtet in wirklich jedem Einrichtungsstil ein Plätzchen finden, haben in den vergangenen Jahren ein Comeback erlebt. Sie verkauften sich sogar so erfolgreich, dass Möbelfirmen alte Produkte, deren Produktion vor vielen Jahren schon eingestellt wurde, zurück ins Sortiment holten. Oder gar Stücke auflegten, die es vor langer Zeit gar nicht zur Produktionsreife brachten. Besonders gefragt war zuletzt etwa das Mid-Century-Design mit Produkten aus der Zeit von 1940 bis 1960.

Doch es gibt nun ein Problem: „Den Firmen gehen solche Entwürfe aus“, erläutert Reinhardt. Daher geben sie nun verstärkt den aktuell tätigen Designern die Chance und zugleich die Vorgabe, Schlichteres, Reduziertes, Klassischeres zu entwerfen. Ein Beispiel dafür ist der Tisch Podia von Moritz Schlatter für Horgenglarus.

Auf der IMM 2018 feiert auch der deutsche Star-Designer Sebastian Herkner mit einem Stuhl namens 118 Premiere, den er für das auf Klassiker spezialisierte Unternehmen Thonet entwarf. Er bezieht sich auf das von Michael Thonet im 19. Jahrhundert entwickelte Prinzip, einen Stuhl auf wenige Bestandteile zu reduzieren.

Minimalistische Variante

Aber Herkner ergänzt laut dem Unternehmen die Schlichtheit um „raffinierte Details, welche den Entwurf weniger dominant und gleichzeitig vornehmer machen“. So sind etwa die Beine auf der Rückseite abgerundet und vorne durch Kanten gekennzeichnet, was die hufeisenförmige Grundfläche des Sitzes widerspiegele. Nicht zuletzt erhält Herkners Modell mit „Offenbacher Stuhl“ einen Beinamen mit Bezug auf vielleicht den großen Klassiker unter den Sitzmöbeln: den „Frankfurter Stuhl“.

Workshop-Stühle Foto: Oliver Berg/dpa

Gerade bei Stühlen ist die Schlichtheit derzeit besonders angesagt. Auch das Unternehmen e17 stellt auf der IMM mit dem Modell Henning eine minimalistische Variante vor. Der Sitz und die Rückenlehne sind aus Massivholz, das Gestell aus pulverbeschichtetem Stahl oder geschliffenem Edelstahl. Warum es einfach sein sollte? Für e17 liegt das auf der Hand: Schlichte Möbel passen in viele Einrichtungssituationen.

Verpackung sparen

„Die einfachsten Sachen sind die besten“, findet der Designer Martin Ballendat hingegen nicht mit Blick auf die Optik, sondern auf den Weg von der Produktion bis in den Handel. Statt in aufwendige Gieß- und Formverfahren zu setzen, bleibt die runde Sitzschale des Stuhls Fl@t für Tonon bis zu ihrem Aufbau zu Hause flach. Das in Stoff eingeschlagene Pappmaterial wird dann erst mit zwei Schrauben an den Seiten zur Schale geformt und auf einen Unterbau gesetzt. Das spart Verpackungsmaterial und Raum im Transporter - der Umwelt zuliebe.

Wiederum auf ein optisch einfach gestaltetes Möbel setzt Walter Knoll: Das Sofa Bundle sieht aus, als hätte man einfach eine Decke gefaltet und auf Füße gestellt. Genauso ging das Designer-Trio EOOS bei der Ideenfindung zum Produkt vor: „Am Anfang war die Decke. Oder vielmehr der zweidimensionale Zuschnitt einer Decke“, erklären sie in einer Firmenmitteilung. „Durch Drehen und Falten haben wir dann ein Objekt gestaltet. Eine Art Spontanskulptur. In Sekundenschnelle.“

Schaut man sich die Beispiel-Wohnwelten an, die Hersteller auf der Messe aufbauen und in ihren Katalogen zeigen, trügt das Bild aber: In den meisten Wohnungen und Häusern werde es keine Räume geben, die komplett reduziert eingerichtet sind. „Vielleicht nur zehn bis 15 Prozent der Menschen leben so - Tendenz steigend“, vermutet Reinhardt. „Aber wir alle haben so schlichte einzelne Produkte neben üppigeren Stücken in unserer Wohnung.“

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