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KRIMINALITÄT Struktur statt Chaos, Lehre statt Knast

Jugendhilfe wünscht sich mehr Platz für die Möbel

Der Möbeldienst

der Jugendhilfe öffnet jetzt auch einmal in der Woche nachmittags: mittwochs von 14.30 bis 16 Uhr. Ansonsten öffnet er dienstags und donnerstags von 9.30 bis 11 Uhr. Gegen einen Obolus können Interessierte Möbel und Hausrat kaufen.

Die Platzverhältnisse

sind sehr beengt. Deshalb hofft der Sozialarbeiter Volker Garms darauf, dass dem Möbeldienst von einem Sponsor eine Halle kostenlos zur Verfügung gestellt wird.

Zu erreichen

ist der Möbeldienst unter Telefon 3 96 86.

Die Jugendkriminalität ist männlich. Den Jungen fehlen vor allem männliche Vorbilder.

Von Henning Bielefeld

Friedrich-august-Hütte Sie haben die neuesten Handys und können bestens mit ihnen umgehen. Aber mit Menschen kommen sie nicht zurecht. „Unseren Jugendlichen fehlt die soziale Kompetenz“, sagt Christian Arnold über die Klienten der Jugendhilfe.

Was sie in vielen Jahren in der Familie nicht gelernt haben, müssen sie in der alten Schule an der Blexersander Straße nachholen, nachdem sie Bekanntschaft mit der Justiz gemacht haben. Doch: „Wir sehen unsere Jugendlichen nicht als Verbrecher, sondern als problembeladene Menschen“, wie der Sozialarbeiter Helmut Fischer betont. Er ist für die mittlere und südliche Wesermarsch zuständig, Volker Garms an der Blexersander Straße für die nördliche. Zurzeit betreut Volker Garms elf Jugendliche.


Wenn Väter schlagen

Volker Garms‘ Vorgänger Christian Arnold ist seit einem Jahr für die Jugendgerichtshilfe in der gesamten Wesermarsch zuständig. Jede Straftat eines Jugendlichen oder Heranwachsenden zwischen 14 und 21 Jahren kommt auf seinen Schreibtisch. „Wir sprechen dabei von fünf Prozent aller Jugendlichen eines Jahrganges, von denen dann wieder sieben Prozent ins Gefängnis kommen“, betont Arnold. „Die große Mehrheit der Jugendlichen kommt angesichts der objektiven Probleme erstaunlich gut zurecht.“

Christian Arnold sieht bei den Problemjugendlichen vor allem das Versagen der Familien. Fast alle Jugendlichen, mit denen er zu tun bekommt, sind in kaputten Familien aufgewachsen. „In vielen Familien wird noch geschlagen“, sagt er. Viele andere Jugendliche, die mit dem Gesetz in Konflikt kommen, wachsen ohne Vater auf. Das ist vor allem für die Jungen ein Problem, weil ihnen dann das männliche Rollenvorbild fehlt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Kinder in den Kindergärten und Schulen fast nur auf weibliches Personal treffen. „Mädchen sehen ihre Rollenvorbilder jeden Tag vor sich“, sagt Christian Arnold. Deshalb landet kaum eines von ihnen bei der Jugendhilfe.

Jungen dagegen haben keine männlichen Rollenmodelle vorgelebt bekommen und können sie deshalb oft auch nicht nachleben. Wenn es dann noch in der Schule richtig arg wird, können sie auf die schiefe Bahn geraten. Christian Arnold: „100 Prozent der jugendlichen Täter, die in Arrest oder Strafhaft kommen, sind in Niedersachsen Schulverweigerer.“

Alkohol- und Drogenmiss-

brauch, Sex- und Gewaltvideos auf Handys – etwa Hinrichtungen aus dem Tschetschenien-Krieg – können die Situation weiter erschweren.

Was kann die Jugendhilfe in seiner solchen Situation leisten, wenn der Richter die Jugendlichen für einige Stunden oder für drei bis sechs Monate zugewiesen hat? „Wir können ihnen helfen, über eine schwierige Zeit zu kommen“, sagt Christian Arnold. Dabei hilft vor allem Struktur. „Die Jungs brauchen und fordern Struktur“, sagt Arnold. Sie wird durch feste Zeiten vorgegeben, die strikt eingehalten werden müssen.

Einen wichtigen Beitrag leistet auch der Möbeldienst, der bei den Jugendlichen recht beliebt ist. Hier haben sie eine Aufgabe und sammeln Erfolgserlebnisse, die sie sonst selten haben. Aber sie lernen auch den Umgang mit Kunden, das Verhalten in fremden Wohnungen und sich ordentlich anzuziehen.

Fahrplan zum Erfolg

Dem liegt ein Fahrplan zugrunde, in dem der Ist-Zustand aufgeschrieben und ein Ziel festgelegt wird mit zeitlich festgelegten Erfolgen. Diese Festlegungen müssen manchmal korrigiert werden. Helmut Fischer: „Ich sage dem Jugendlichen, dass er statistisch gesehen 77 Jahre alt werden kann, also noch 60 Jahre zu leben hat. Und dann frage ich ihn: Was willst du daraus machen? Ich zeige ihm zwei Wege auf: Der eine endet in der Ausbildung, der andere im Knast.“

Nach Christian Arnolds Worten gibt es keine Statistik darüber, wie viele Jugendliche auf diese Weise auf den geraden Weg zurückfinden. Belegt ist nur, dass etwa 80 Prozent aller Straftäter, die im Jugendgefängnis waren, rückfällig werden.

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