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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft

Kubaner können erstmals per Handy mailen

19.05.2014

Havanna Die meisten Kubaner haben keinen Internet-Zugang. So verwundert es nicht, dass die Freude groß war, als ihnen im März erstmals die Möglichkeit geboten wurde, Emails per Handy zu verschicken. Zehntausende machten prompt davon Gebrauch. Sie mailten und mailten und mailten, tagelang – bis der Service zu versagen begann.

Und nicht nur das. Die alternden Handysendeanlagen auf der Insel waren durch die Mail-Flut derart überfordert, dass auch das Telefonieren und der SMS-Versand in Mitleidenschaft gezogen wurden. Nutzern gelang es oft erst nach acht oder neun Versuchen, eine Email zu verschicken. Handy-Gespräche brachen abrupt zusammen, mitten im Satz, und Anrufer hörten sich so an, als befänden sie sich irgendwo auf einem Meeresboden. SMS-Botschaften kamen erst nach Tagen an, wenn überhaupt.

Inzwischen hat sich die staatliche Telekommunikationsgesellschaft Etesca für das Chaos entschuldigt – ein Schritt, der selten vorkommt – und die Handy-Dienste laufen wieder besser. Aber das Problem mit dem Email-Service, Nauta genannt, wirft ein Schlaglicht darauf, wie wenig bisher vom digitalen Zeitalter in Kuba zu spüren ist.

Die Regierung in Havanna führt das starke technologische Hinterherhinken auf ein US-Embargo zurück, das den meisten amerikanischen Unternehmen den Verkauf von Produkten an das Karibik-Land verbietet. Kritiker meinen dagegen, dass die Regierung bewusst den Zugang zum Internet erschwert, um die Verbreitung von anderen Meinungen online zu verhindern. Wiederum andere Beobachter haben eine weniger politische Erklärung: Sie glauben, dass die Regierung zu wenig in Verbesserungen der Infrastruktur investiert.

Und Letzteres, so meinen viele Experten, ist wahrscheinlich tatsächlich der Hintergrund des Problems mit Nauta. Die Regierung habe versucht, Verbindungen zur Welt aufzubauen, aber sei wegen offensichtlich schlechter Planung und mangelnder finanzieller Investitionen ins Schwimmen geraten.

„Kuba ist extrem mittellos“, sagt Larry Press von der kalifornischen Staatsuniversität in Dominguez Hills, ein Experte für kubanische Telekommunikation. „Hätten sie Tonnen an Kapital, würden sie wahrscheinlich den Internet-Service ausweiten.“

Ungefähr 100 000 Einwohner - etwa fünf Prozent der kubanischen Handybesitzer - hatten Verträge für den Email-Mobilservice abgeschlossen, obwohl das 50 Mal mehr kostet als beispielsweise viele der Datenflatrates in den USA. Radio-Textautorin Lisandra Ayala ist eine von ihnen. Die 36-Jährige stand im März stundenlang vor einer Etesca-Dienststelle Schlange, träumte von einem regen Email-Austausch mit ihrer Lieblingscousine in Kanada. Wie viele Kubaner besitzt sie seit langem ein Smartphone - ein Statussymbol und häufig ein Mitbringsel von Verwandten, die zu Besuch kommen.

Ayala zahlte umgerechnet einen Euro für einen Nauta-Vertrag, der es ihr erlauben sollte, Emails mit Foto-Anhängen zu verschicken, aber keine Videos. Auch ein Internet-Zugang war nicht eingeschlossen. Aber das Angebot klang gut genug für die Kubanerin, so gut, dass auch die Kosten von umgerechnet 70 Cent per Megabyte - weitaus höher als praktisch in jedem anderen entwickelten Land - sie nicht abschreckten.

„Ich war zuerst völlig begeistert, aber dann wurde es ein totales Desaster“, schildert Ayala. Eine Woche lang sei der Service in Ordnung gewesen, dann sei es bergab gegangen. Das Nauta-Symbol habe sie allenfalls nach sechs Versuchen öffnen können, Handygespräche seien abgebrochen oder erst gar nicht zustande gekommen, SMS-Botschaften verschwunden.

„Wir haben uns mehr als ein Jahr vorbereitet“, sagte Etesca-Direktorin Hilda Arias im April. „Die Erwartungen der Kunden haben unsere Vorstellungen wirklich übertroffen...Das hat eine Überlastung ausgelöst.“

Mit Handytarifen von bis zu 26 Cent pro Minute bei Inlandsgesprächen hat Etesca im vergangenen Jahr umgerechnet etwa 365 Millionen Euro verdient, wie Emilio Morales von der privaten Beraterfirma Havana Consulting Group in Miami sagt. Das Unternehmen analysiert öffentliche Informationen über Einnahmen und Operationen der kubanischen Regierung.

Morales zufolge gibt es nur wenige Unternehmen in Kuba, „die so gut laufen wie Etesca“. Die Untersuchungen der Firma zeigen, dass 54 Prozent der Einkünfte von Etesca direkt aus der kubanischen Diaspora kommen. Den Großteil des Rests, so glaubt Morales, bestreiten Kubaner aus den geschätzten umgerechnet 1,9 Milliarden Euro an Geldüberweisungen aus dem Ausland. Und während Staatsbeschäftigte nur etwa 14,6 Euro im Monat verdienen, benutzt eine neue Klasse von etwa 400 000 unabhängigen Unternehmern mit ihren Angestellten Handys intensiv für Werbung per SMS oder geschäftliche Anrufe.

Offiziell hat Havanna das Ziel ausgegeben, den Internet-Service bis Ende des Jahres auszuweiten. So soll es Zugang auch per Handy geben und uneingeschränkt von zu Hause aus, was bisher nur einer ausgewählten Gruppe von Regierungsbeamten und Angestellten ausländischer Firmen möglich ist.

Aber Kunden bleiben misstrauisch. Nauta habe versagt, sagt zum Beispiel die 24-jährige Universitätsangestellte Indira Perez. „Wenn sie sich nicht besser auf eine Ausweitung des Internet-Zugangs vorbereiten, wird es ein totales Chaos geben.“

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