Hannover - Die anhaltende Talfahrt der Preise für Milch, Butter und Sahne verschärft auch bei den niedersächsischen Milchbauern die wirtschaftliche Lage. Discount-Marktführer Aldi hatte zu Wochenbeginn die Preise für einen Liter frische Vollmilch von 59 auf 46 Cent gesenkt - ein Abschlag von fast 25 Prozent. Für Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer ist das ein „absolut falschen Signal“ in einer schweren Marktkrise. Der Bund fördere durch Untätigkeit das Höfesterben, warnte er. Über einen Kurs zum Gegensteuern gibt es jedoch derzeit keine Einigung.
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Der Grünen-Politiker und Teile der Bauernverbände fordern ein Eingreifen des Bundes und Maßnahmen wie eine Reduzierung der Milchmengen sowie Ausfallentschädigungen für Landwirte. Dagegen hofft die Milchwirtschaft auf Impulse vom Weltmarkt, auf neue Wege zur Vermarktung und auf bessere Preise durch Spezialprodukte.
Aldi Nord hatte die Rotstiftaktion mit dem Überangebot auf dem weltweiten Milchmarkt begründet. Dafür sei nicht der Lebensmitteleinzelhandel verantwortlich. Die Molkereien hätten die Milch billiger angeboten, und Aldi gebe günstigere Einkaufspreise an die Verbraucher weiter.
„Das ist kein „Verkaufen“ mehr. Ich nenne das „Verramschen“ und halte das auch ethisch nicht mehr für vertretbar“, kritisierte dagegen Minister Meyer den Preisverfall. Der Absturz des Erzeugerpreises auf bald unter 20 Cent habe dramatische volkswirtschaftliche Folgen.
Meyer rechnet bei einer derzeit in Niedersachsen produzierten Menge von jährlich rund 6,7 Millionen Tonnen Milch mit Umsatzeinbußen von bis zu einer Milliarde Euro: „Das ist eine Kapitalvernichtung ohne Beispiel und treibt viele Milchbauern in den Ruin.“
Die Ursache des Preisverfalls sieht der Bundesverband der Deutschen Milchviehhalter (BDM) weniger beim Handel als vielmehr bei den Molkereien. Branchenriesen wie das Deutsche Milch Kontor (DMK) müssten sich eigentlich für einen Stopp des Mengenwachstums einsetzen, forderte die BDM-Landesvorsitzende Johanna Böse-Hartje. Die großen Molkereien und auch Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) unternähmen jedoch nichts gegen das Mengenproblem.
Staatliche Eingriffe hält das Landvolk Niedersachsen dagegen für wenig hilfreich. Katastrophale Preise habe es auch in den 30 Jahren gegeben, in denen die Milchquote die Produktion in der EU beschränkte, sagte Vizepäsident Albert Schulte to Brinke. Für eine neue Mengenreduzierung gebe es kein gerechtes System, findet auch Jan Heusmann von der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen: „Man schafft nur neue Ungerechtigkeiten.“
