LANGWARDEN - Im Jahre 1285 war die Erde noch eine Scheibe. Und Oldenburg lag an der Weser. So jedenfalls zeigt es die größte erhaltene mittelalterliche Weltkarte, die der englische Domherr Richard von Haldingham in Auftrag gegeben hatte. Heute gehört sie zum Weltdokumentenerbe und hängt in der Kathedrale von Hereford.

Dabei wussten viele Menschen damals schon, dass die Erde eine Kugel ist. Und wer Oldenburg kannte, wusste, dass es nicht an der Weser liegt. Bei dieser Weltkarte ging es nicht um Orientierung im Raum, sondern um Orientierung im christlichen Glauben, erläuterte Heddo Peters am Donnerstagabend im voll besetzten Langwarder Steinhaus. Der ehrenamtliche Mitarbeiter im Rüstringer Archiv sprach über „Oldenburgische Landkarten aus fünf Jahrhunderten“.

Fossens und Stolham

Erst kurz vor 1500, zur Zeit der Entdeckungsfahrten von Christoph Columbus, Vasco da Gama und Ferdinand Magellan, wuchs das Interesse an verlässlichen räumlichen Darstellungen. 1482 entstand die erste Weltkarte in unserem Sinn, Sie beruhte noch auf den Berechnungen des Claudius Ptolemäus, der 1300 Jahre zuvor gestorben war.

Die große Zeit der Kartenkünstler hatte begonnen. Der größte unter ihnen war Gerhard Mercator (1512 bis 1594), der eigentlich Krämer hieß, aber seinen Nachnamen ins Lateinische übertragen hatte. Den Durchbruch erreichte der Duisburger mit einer 18-teiligen Weltkarte, dem sogenannten Mercator-Atlas. Auftraggeber waren oft Landesherren, die sich nicht nur mit den Kunstwerken schmücken wollten, sondern sie auch für juristische Zwecke nutzten.


1575 erbte der oldenburgische Graf Johann VII. (1573 bis 1603) vom verstorbenen Fräulein Maria das Jeverland. Zum Nachlass der großen Dame zählte auch ein gewisser Laurentius Michaelis, ein Kartenzeichner, den der hohe Herr mit Freuden übernahm. 1584 lieferte Michaelis die erste Karte der Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst. Rüstringen war damals schon durch den Jadebusen getrennt. Atens war zu erkennen, ebenso Blexen und die Vredeborch. Doch nicht immer nahm es der Künstler mit der Schreibweise weit von Oldenburg entfernt liegender Orte allzu genau: So gab es in Butjadingen „Fossens“ und „Stolham“.

Längen- und Breitengrade gab es damals auch schon. Der nullte Längengrad ging durch die kanarische Insel El Hierro, die als Grenze Europas galt. Erst seit 1884 geht er durch Greenwich bei London, sagte Peters.

Graf Anton Günther, der von 1603 bis 1664 regierte, war ein großer Förderer der Kartenkunst. Nicht von ungefähr: Er wollte von den Bremer Kaufleuten den Weserzoll einkassieren, um mit diesem Geld den Deichbau zu bezahlen. Mit Karten von Deichschäden überzeugte er Kaiser Ferdinand II.

Im Februar 1625 verheerte eine Sturmflut die Küste. Im Sommer darauf zeichnete des Grafen Kartograf Johann Conrad Musculus die Schäden an Deichen und Sielen auf – und berechnete sie auch gleich. So sollte die Reparatur der sechs Kilometer langen Deichstrecke zwischen Langwarden und Burhave 10 000 Reichstaler kosten – nach heutigem Geld 10 Millionen Euro. Auch bei der Höhe des Deiches war Musculus großzügig: 45 Fuß maß er, etwa 13,5 Meter. Heddo Peters: „So hoch ist selbst heute kein Deich.“

Der Norden dominiert

Schon 1621 hatte Musculus eine Karte der Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst gezeichnet, die 1650 gedruckt wurde – die erste komplett im Oldenburger Land erstellte Karte. Aussagekräftig sind auch die 1719 von dem dänischen Mathematikprofessor Johan Frederik Ramus erstellten Karten, die Grundlage für den Bau der neuen Deiche nach der Weihnachtsflut 1717 waren. Die Deichlinie in Nordbutjadingen ist bis heute unverändert.

Genordet sind die Karten erst seit etwa 200 Jahren. Das hatten die Europäer durchgesetzt, sagte Peters. Warum? Ganz einfach, sagte Peters und drehte eine Weltkarte um. Plötzlich lag Afrika groß in der Mitte und Europa klein am Rande. Karten sind also auch heute mehr als bloße Orientierung im Raum.