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Einzelhandel In Leer „Auch für uns ist das eine Katastrophe“

Lambert Tergast

Leer - Gestern Nachmittag gegen 15.30 Uhr wurden die Sorgenfalten bei den Leeraner Einzelhändlern noch tiefer: Zu diesem Zeitpunkt verbreitete sich die Eilmeldung, dass die Bundesregierung den Ländern im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus die Schließung einer Vielzahl von Geschäften vorschlägt. Nur Supermärkte und andere Läden, die zur Versorgung der Menschen dienen, sollen offen bleiben.

Dabei war die Lage auch zuvor schon dramatisch: „Die Gesundheit steht an erster Stelle, da muss die Wirtschaft zurückstehen. Das ist auch richtig so“, sagte Johannes Poppen, Vorsitzender der Leeraner Werbegemeinschaft. „Aber für uns im Handel ist die augenblickliche Entwicklung eine Katastrophe.“ Poppen zeigte sich ratlos: „Man weiß nicht, was zu tun ist. Man fühlt sich machtlos.“

Beratungsbedarf aufseiten der Händler

Schon am Wochenende herrschte in der Leeraner Innenstadt weniger Betrieb als sonst: „Viele unserer Mitarbeiter bleiben zuhause. Die Besucher-Frequenz war am Samstag deutlich geringer“, sagte Poppen, der das Modehaus Leffers in der Fußgängerzone leitet.

Das unterstrich auch Johann Doden, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Ostfriesland: „Der Kunde fehlt jetzt schon sehr massiv.“ Seine Beobachtung: „Die Kunden werden vorsichtig, sie kaufen im Supermarkt ein, aber sie gehen nicht mehr bummeln. Davon ist der ganze Einzelhandel betroffen.“

Er verwies darauf, wie schnell der Handel in Schwierigkeiten geraten kann: „Die neuen Kollektionen, die jetzt in die Geschäfte kommen, sind ja oft vorfinanziert. Wenn dann die Läden leer bleiben, oder gar schließen müssen, haben die Einzelhändler sehr bald ein Problem“. Dementsprechend groß war laut Doden schon gestern - noch bevor die Meldung über die Ladenschließungen kam - der Beratungsbedarf aufseiten der Händler: „Wir sind den ganzen Tag am telefonieren, der Verband wird ähnlich wie die Arbeitsagentur derzeit massiv in Anspruch genommen.“


Wenn die Geschäfte nun bald ganz geschlossen werden, wird sich die Branche laut Doden „massiv mit dem Thema Kurzarbeit auseinandersetzen müssen.“ Und er verwies auf Paragraph 56 des Infektionsschutzgesetzes, der in einem Pandemiefall Entschädigungszahlungen vorsieht: „Solche Zahlungen müssen dann gegenüber dem Bund geltend gemacht werden.“

Weiter meinte Doden: „Es ist jetzt wichtig, dass man weiß, wie es weitergehen soll. Wir vom Handel warten darauf, dass von der Bundesregierung konkret etwas umgesetzt wird. Wir müssen wissen, wie die angekündigten Hilfen erreichbar sind.“

Positive Seite der Geschichte

Auf diese Hilfen kam auch Johannes Poppen zu sprechen: „Eine halbe Billion will die Bundesregierung bereitstellen. Das sagt ja schon einiges aus über die Dramatik der Lage.“ Entscheidend wird aus seiner Sicht sein, wie lange die Krisensituation anhält: „Wir leben von den Osterferien, dann kommen normalerweise auch die Touristen in die Stadt. 14 Tage kann jeder Händler mal überbrücken. Die Mitarbeiter können dann Überstunden abbauen. Aber wenn das länger geht, dann wird das ein Chaos. Das kann keine Firma durchhalten.“ Auch er sprach davon, dass dann die Mittel der Bundesregierung, wie zum Beispiel das Kurzarbeitergeld, in Anspruch genommen werden müssten.

Der generellen Schließung der Läden konnte Poppen aber auch eine positive Seite abgewinnen: „Vielleicht ist das die richtige Maßnahme. Wenn der Virus auf diese Weise effektiv bekämpft werden kann, können wir damit besser leben, als wenn wir wochenlang in einer ungewissen Situation verharren müssen. Was wir brauchen, ist irgendwann die Botschaft: ,Der Virus ist bekämpft.’ Ein bisschen Entwarnung wäre schön.“

„Aber es ist alles da“

Ganz anders gestaltet sich derzeit die Situation in den Supermärkten. Hier treibt vor allem die Kunden die Sorge um, ob angesichts leerer Regale bei Produkten wie Toilettenpapier, Mehl oder Nudeln und vieler Fake-News, die in sozialen Medien verbreitet werden, die Versorgung mit den Gütern des täglichen Bedarfs langfristig noch gewährleistet ist. Matthias Brahms, Leiter des Leeraner Verbrauchermarktes Multi Süd, gab gestern Entwarnung: „Versorgungstechnisch sehe ich keine Probleme. Natürlich kann es derzeit mal sein, dass einzelne Produkte für ein paar Stunden oder einen Tag nicht erhältlich sind. Aber es ist alles da.“

Auf die leeren Regale beispielsweise bei den Nudeln im Verbrauchermarkt Multi Nord angesprochen, meinte Brahms: „Es ist am Montagmittag wieder Ware angekommen, die muss aber noch in die Regale einsortiert werden. Manchmal kommt es darauf an, wie schnell bestimmte Waren von A nach B transportiert werden können. Grundsätzlich sollte man sich in dieser Richtung keine Gedanken machen.“ Brahms merkte in diesem Zusammenhang noch an: „Ich frage mich persönlich schon, wo das ganze Toilettenpapier geblieben ist, das in den letzten Tagen verkauft wurde...“

Ärger über Markt-Absage

Für Ärger sorgte in Leer am Wochenende die kurzfristige Absage des Wochenmarktes auf dem Ernst-Reuter-Platz. Das Ordnungsamt der Stadt hatte am Freitagabend gegen 18 Uhr die Marktbeschicker davon in Kenntnis gesetzt, dass der Markt ausfällt. Weder die Händler noch die Kunden, die am Samstag nichts ahnend den Wochenmarkt aufsuchen wollten, konnten die Entscheidung nachvollziehen. Statt in der freien Luft einzukaufen, müssten die Menschen nun auf die ohnehin schon überlaufenen Supermärkte ausweichen, wo die Ansteckungsgefahr viel größer sei, hieß es von allen Seiten.

Gerhard Krone, Leiter des Ordnungsamtes, hielt aber auch gestern an seiner Entscheidung fest. Er begründete dies mit dem besonderen Gefahrenpotenzial für ältere Menschen. Auch am Mittwoch soll der Wochenmarkt deshalb ausfallen. Eine endgültige Entscheidung hierzu ist aber noch nicht getroffen, laut Krone findet heute früh ein weiteres Gespräch mit dem Gesundheitsamt statt. Womöglich ergäbe sich dann schon wieder eine neue Sachlage.

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