Leer/Wittmund/Oldenburg - So einen Fall gab es in Niedersachsen erst ein einziges Mal, vor zwölf Jahren in Wolfsburg: Die Kreishandwerkerschaft Leer-Wittmund ist finanziell in so schwere See geraten, dass sie Insolvenz beantragt hat. Und während die Wolfsburger sich aus der Insolvenz retten konnten, könnte es sein, dass die Leer-Wittmunder als erste in Niedersachsen komplett von der Bildfläche verschwinden.

Was ist passiert? Thorsten Tooren war als neuer Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Leer-Wittmund nur wenige Wochen im Amt, als im November 2018 die ersten bösen Ahnungen auftauchten. Ahnungen, die zu bitteren Gewissheiten geworden sind. Tooren und der Vorstand sollen eine hohe sechsstellige Summe an Fördergeld zurückzahlen. Das kann die kleine Einrichtung nicht. Deshalb hat sie nun Insolvenzantrag wegen drohender Zahlungsunfähigkeit beim Amtsgericht in Leer eingereicht.

Hintergrund: Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung, kurz ZAV, des Bundes meldete, dass man bei einer vertieften Prüfung von Unterlagen Auffälligkeiten entdeckt habe. Es ging um Projekte über das Programm Mobi-Pro EU von 2015 bis 2017, in denen ausländische Jugendliche in Ostfriesland Ausbildungen im Handwerk absolviert haben. Für die Erfolge in den Projekten waren die Kreishandwerkerschaft und die Firma BBF Sustain aus Oldenburg, die das Ganze im Auftrag praktisch umsetzte, bundesweit mit Lob überschüttet worden.

Für diese Projekte war eine hohe sechsstellige Summe an Fördergeld aus Bonn geflossen. Dort sitzt die ZAV. Offenbar aber fehlten in den Unterlagen wichtige Punkte, etwa Teilnehmerlisten, die belegen, dass die geförderten Leistungen auch wirklich erbracht wurden. Die Kreishandwerkerschaft, die BBF Sustain namentlich nicht nennt, spricht davon, dass der „Nach-Unternehmer offenbar nicht so dokumentiert hat, wie es fördergemäß war“. Und ohne ausreichende Dokumentation – selbst wenn es die Leistungen gab – kann auch kein Fördergeld fließen. Die ZAV fordert im Kern alles Geld zurück, zeigt sich bei Art und Weise aber konstruktiv, betont Tooren. „Man hätte uns Brücken gebaut, aber die Last ist zu groß für uns“, sagt er.