Sande - Als Johannes Oetjen, geboren 1896, am 10. Mai 1916 zum Kriegsdienst herangezogen wird, ist die deutsche Kriegseuphorie längst erloschen. Lange verfolgt Oetjen das Kriegsgeschehen nur aus der Ferne. „Schöne Gegend“, schreibt er noch am 22. Juli aus Köln in die Heimat. Doch schon da plagen ihn Vorahnungen: „Wird wohl nicht so bleiben.“
Der junge Mann wird recht behalten: Nur wenige Wochen später wird er die Gräuel des Kriegs hautnah miterleben. Seine Erlebnisse schreibt er auf und schickt sie als Feldpostkarten in die Heimat. Sein Sohn, Rolf Oetjen aus Sande, gewährt der NWZ einen Einblick.
Kälte und Morast
Anfänglich klagt der Vater nur über Kälte und Morast, darüber, sich in der Nacht in Lumpen wickeln zu müssen, um Schlaf zu finden. Ein „Überzeugungskrieger“ ist er nicht. Schon am 17. September 1916 schreibt er: „Das Beste wäre ja, wenn sich die Völker wieder vertragen täten.“
Doch bis dahin sollte noch Zeit vergehen. „Das steht ja alles in Gottes Hand“, notiert er. Eine Woche später wird die Hälfte der Kompanie an die Front verlegt, Oetjen bleibt das Gemetzel noch erspart. Schließlich wird seine Kompanie sogar aufgelöst – zu wenige waren von der Front zurückgekehrt, die jetzt auch für Oetjen näher rückt.
Zweimal wird Oetjen in den folgenden Tagen am französischen Fluss Somme während einer Schlacht verschüttet, als er sich zum Schutz vor dem Artilleriefeuer in einem Unterstand verkriecht.
Am 16. Oktober schreibt er: „Wie es hier hergeht, könnt Ihr Euch nicht vorstellen.“ Die Briefe enden nun immer öfter mit Abschiedsformeln, die Todesangst vermuten lassen: „Nun lebt wohl, sollten wir uns auf Erden nicht wiedersehen, dann droben.“ Ende Oktober 1916 wird er abkommandiert, „hier ist es ruhiger“. „Ich sitze hier beim Schein einer Kerze, sieben bis acht Meter tief in der Erde, so einigermaßen bombensicher.“
Doch die Erinnerung an die Schlacht lässt ihn nicht los: „800 Mann zur Front (...), viele haben den Tod fürs Vaterland gefunden, (...) als ich eine Tag ganz vorne war, hab ich gesehen, wie die Engländer haufenweise vor unserer Front lagen.“ „Als wir das erste Mal zurückkamen (...), sind wir mit 70 Mann zurück, mit 160 waren wir ausgezogen.“ Eine Hilfe ist dem jungen Mann sein Glaube: „Herr Jesu, Dir leb ich, Herr Jesu, Dir sterb ich, Dein bin ich tot oder lebendig und damit Gott befohlen.“
Meist geht es für Oetjens Kompanie im Wechsel sechs Tage an die Front und in Reservestellung. „Alle sechs Stunden muss man gewöhnlich auf Posten“, schreibt er am 8. November 1916 aus Frankreich. „Bei Tage darf man den Kopf nicht zu hoch halten, denn die Franzosen sind auch keine schlechten Schützen.“
Das Schlimmste seien aber die Granaten und Schrapnelle: „Denen kann man nicht aus dem Weg gehen“ – auch nicht hinter der Front, wo ein Mann, Vater von neun Kindern, durch einen Volltreffer ins Küchenzelt stirbt. „Waren zuletzt auch so müde, dass wir uns direkt in den Dreck legen (...) und das Wasser vom Boden lecken, solchen Durst hatte man (...)“.
Acht Tage unter Feuer
Am 15. April 1917 schreibt er: „Ist jetzt acht Tage, dass wir hier unter diesem furchtbaren Feuer liegen, (...) Kanonendonner geht ununterbrochen.“ Wieder wendet sich Oetjen an Gott: „Lenker der Schlachten, ich rufe Dich: Vater, durchführe mich.“ Im Sommer muss er nach Russland, dort ist die Lage zumindest etwas ruhiger.
Erst am 1. Oktober 1917 beendet eine Verwundung im linken Unterschenkel bei einer Schlacht bei Flandern das Grauen für Johannes Oetjen. Feldbriefe aus dieser Zeit finden sich nicht in der Sammlung seines Sohnes.
Später wird Johannes Oetjen noch zur Inselwacht Borkum verlegt. Am 23. Januar 1919 darf er endlich zurück in die Heimat, zum elterlichen Hof nach Wiemsdorf.
